Kultur

In einer Geheimwelt: Der Mathematiker, der zum Spion wurde

Mathematik, Genie und Wahnsinn scheinen untrennbar miteinander verbunden. Genies faszinieren, geniale Mathematiker sind die Könige unter den Spezialbegabten, und dass sie dann beinahe zwangsläufig in ihrer Zahlenwelt versinken, wahnsinnig werden oder am Leben scheitern, wird uns Normalbegabten in jüngster Zeit vor allem im Kino bestätigt. So stand die Schizophrenie des Spieltheoretikers John Nash in „A Beautiful Mind“ im Zentrum der Geschichte und der Selbstmord Alan Turings nach einer schändlichen strafrechtlichen Verfolgung wegen Homosexualität war Thema in „The Imitation Game“. Jetzt hat sich 20th Century Fox die Rechte an der Verfilmung einer fiktiven chinesischen Variante des Themas gesichert, des Romans „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ von Mai Jia, der nun auch erstmals auf Deutsch erschienen ist.

Auch Rong Jinzhen, Mai Jias Romanheld, ist ein tragisches Genie. Seine Mutter stirbt bei der Geburt, er ist ein einsames, eigenbrötlerisches Kind mit einem vererbten zu großen Kopf, dessen außergewöhnliche mathematische Begabung nur durch Zufall erkannt wird, obwohl er einer Dynastie von Mathematikern entstammt. Er wird von einem polnischen Austauschprofessor gefördert, bis der das Land verlässt und statt an künstlicher Intelligenz zu forschen, wie er es eigentlich gemeinsam mit Jinzhen tun wollte, zur Kryptografie im Land X, das unschwer erkennbar die USA sein soll, genötigt wird.

Auch Jinzhen wird schon bald für die Volksrepublik China auf der anderen Seite in die Geheimwelt der Codierung einsteigen, und der Kampf um Kodierung und Dekodierung, ein Wettlauf der Genies in einer vollkommen paranoiden Welt der Geheimdienste beginnt, der vor allem zum Wettlauf um die geistige Gesundheit wird. Jinzhen soll den PURPUR-Code entschlüsseln, der von zentraler Bedeutung für die nationale Sicherheit sein soll, und der mit brutaler Zwangsläufigkeit irgendwann von dem noch genialeren SCHWARZ-Code ersetzt wird, der ebenso zwangsläufig als noch bedeutender für die Zukunft des Landes eingestuft wird. Der Druck steigt, die Fallhöhe vom Nationalhelden zum Versager vergrößert sich.

Das glückliche Genie ist auch in dieser Fiktion nicht vorgesehen

Geheime Gebäudekomplexe, mathematisches Dauergrübeln, soziale Isolation, Heldenverehrung, Entfremdung, Angst, Kampf gegen den Wahnsinn – die Bilder der jeweiligen Dechiffrieranstalten und ihrer Mitarbeiter während des Kalten Krieges, die der chinesische Bestsellerautor hier nachzeichnet, scheinen einem global einheitlichem Muster zu folgen, ebenso wie die Paranoia, die bei Hochbegabten wie ein Schlüsselreiz den vielleicht auch genetisch vorbestimmten Wahnsinn auslöst.

Herausragende Fähigkeiten und Genialität sind für eine Gesellschaft nur tolerierbar, wenn sie mit Leiden einhergehen, hat der Hamburger Psychiater Wilhelm Lange-Eichbaum zu Beginn des 20. Jahrhunderts festgestellt, und das ist ganz offensichtlich ein überkulturelles Phänomen. Das glückliche Genie, der Zahlenjongleur, das mathematische Superhirn, welches das Leben meistert, ist auch in dieser chinesischen Fiktion nicht vorgesehen. Genie als soziologisches Konstrukt und „mythische Genussgröße“ genießt nach Lange-Eichbaum unterschiedlichen Ruhm und Anerkennung je nach Zeit und gesellschaftlicher Situation. Derzeit scheinen scheiternde Genies interessanterweise in Ost wie West gleichermaßen hohe Nachfrage zu genießen.

Mai Jias Roman ist damit ideal, um chinesische Belletristik hierzulande einem breiteren Lesepublikum nahezubringen, auch wenn die gängige Bezeichnung als Spionageroman der Geschichte nicht ganz gerecht wird. Es ist vielmehr ein bemerkenswerter Genie- oder Mathematiker-Roman, ein Entwicklungsroman im Spionagemilieu von einem Autor, der selbst im Umfeld der Nachrichtendienste gearbeitet hat, sehr zurückgezogen lebt und bereits sechs weitere Romane in diesem Umfeld angesiedelt hat. In China sind seine Bücher mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden und haben Millionenauflagen erreicht.