Kultur

Zweifel kann ein Ort der Begegnung sein

Claudia Michelsen besticht in einem leisen TV-Drama als Notfallseelsorgerin

Manchmal muss in einem Fernsehfilm nur eine Szene so wahrhaftig rüberkommen, als wäre sie nicht nur gespielt. In der leisen Ufa-Produktion „Im Zweifel“ gibt es diese ziemlich früh, und sie ist der Grund, trotz bisweilen übergriffigen Moralisierens nicht abzuschalten. Pfarrerin Judith Ehrmann (Claudia Michelsen) wird als Notfallseelsorgerin an die Stätte eines Autounfalls gerufen. Gemeinsam mit Kommissar Minow (Thomas Loibl) muss sie nun den Eltern die Todesnachricht ihrer 16-jährigen Tochter überbringen. Und wie jene Botschaft ihren Adressaten findet in dieser traurigen Nacht in der kargen Brandenburger Einöde, das ist so dicht und bewegend inszeniert, dass man es schwer ertragen kann. Sie gehen in das Haus der Eltern. Dann filmt die Kamera von außen in die Wohnung: den hysterischen Anfall der Mutter, die Tränen der Schwester. Dann ist die Kamera wieder drin: der Vater in Wut.

Judith Ehrmann ist keine normale Pfarrerin. Sie hat eine Radiosendung, in der sie Dinge sagt wie: „Lass uns gemeinsam zweifeln. Zweifel kann ein Ort der Begegnung sein.“ Sie soll Landesbischöfin werden und scheint über all den Verpflichtungen ihre Familie manchmal zu vergessen. Es sei ihr „Kick“, dass alle sie bräuchten, schleudert ihr der Ehemann (Henning Baum) einmal entgegen. Man weiß da aber schon: So stabil ist die starke Frau gar nicht, die mit ihren Predigten, Notfalleinsätzen und besinnlichen Radioansprachen im Alltag assistiert.

Im Gegenteil porträtiert dieser Film (Regie: Aelrun Goette, Drehbuch: Dorothee Schön) sehr sensibel und mit Gespür für Zwischenstufen eine Frau, der bewusst wird, dass ihr bestimmte Gewissheiten abhanden gekommen sind. Betrügt ihr Ehemann sie? Welche Geheimnisse hat ihr Sohn? Ein Verdacht hat sich in ihr eingenistet, dass nämlich der Wagen, der an dem Unfall beteiligt war, die Familienkutsche war.

„Im Zweifel“ ist gelungenes öffentlich-rechtliches Fernsehen. Es geht um Geben, Nehmen, Wahrheit, Lüge, Freiheit und die Skepsis. Trotzdem ist das hier kein Werbevideo für das Christentum, den Kirchenszenen zum Trotz. Dafür ist das Setting in diesem Film zu fragil und der Charakter der zweifelnden Pfäffin zu intelligent angelegt.

Das Gute ist: Es gibt Trost. Er liegt in den Worten.

„Im Zweifel“: ARD, heute, 20.15 Uhr