Klassik-Kritik

Iván Fischer deutet Mahlers Weltschmerz

Der ungarische Dirigent leitet die Berliner Philharmoniker

Mahlers dritte Sinfonie mausert sich offenbar zum Berliner Orchesterliebling: An mindestens zwei Abenden pro Saison ist sie mittlerweile zu hören. Nun legen sie die Philharmoniker wieder auf. Sie leihen sich dafür Iván Fischer aus, den Chefdirigenten des Konzerthausorchesters. Und dies aus gutem Grund: In den vergangenen Jahren kamen vom ungarischen Dirigenten sehr interessante Mahler-Impulse. Auch Mahlers Dritte klingt unter Iván Fischer jetzt erfrischend anders. Wo andere Dirigenten im Schweiße ihres Angesichts Himmel und Hölle in Bewegung setzen, zwischen grandiosem Weltschmerz und ekstatischen Freudenfantasien taumeln – da bleibt Iván Fischer bemerkenswert sachlich und präzise. Das Kolossale, Monströse dieser Partitur aus dem Jahre 1896 verschwindet dadurch, nicht jedoch die erheblichen Längen. Denn zu Fischers Konzept gehören durchaus Tempi, die langsamer als gewohnt wirken. Die zeitlichen Dehnungen im nunmehr rund 40-minütigen Trauermarsch-Kopfsatz führen allerdings keineswegs zu Langeweile. Fischers transparenter, forschender Klang lädt zum aktiven Hören ein, lässt nicht nur Formstrukturen, sondern auch spannende Details deutlich zutage treten. Wenn Mahlers Musik beispielsweise wirklich einmal aus den Fugen gerät, weil es der Komponist so will. Oder jene Streicherstellen, die so geräuschhaft avantgardistisch klingen, dass man sich in den 1910er-Jahren wähnt.

Die Philharmoniker stehen geschlossen hinter dieser Mahler-Sicht. Und das wohl nicht zuletzt, weil Iván Fischer allen Instrumentengruppen und Solisten reichlich Raum zur Selbstentfaltung bietet. Darin besteht denn auch eine weitere Kunst des Dirigenten: Trotz des Verzichts auf atmosphärische Sinnlichkeit kommen die Bläsersolisten zu maximaler Geltung. Sie pflegen einen Schönklang, der von Herz und Verstand gleichermaßen geprägt ist.

Für die Philharmoniker gehört Gustav Mahler bereits seit Jahrzehnten zum prestigeträchtigen Kernrepertoire – und das hört man auch an diesem Abend. Einem Abend auf Weltklasseniveau. Einzig problematisch ist der pastorale dritte Satz mit dem berühmt-berüchtigten Posthorn-Solo aus der Ferne. Fischers gedehnte Tempi verstärken den Eindruck musikalischer Belanglosigkeiten, die sich in schier endlosen F-Dur-Dreiklangbrechungen vor dem Zuhörer ausbreiten.

Einen denkwürdigen Auftritt dagegen hat die Mezzosopranistin Anna Larsson mit Friedrich Nietzsches „Oh Mensch! Gib acht!“ im folgenden Satz. Die Schwedin, Jahrgang 1966, hat dieses Nachtgedicht seit einer halben Ewigkeit im Repertoire. Unvergessen bleiben ihre Auftritte mit den Philharmonikern in den 1990ern, damals noch unter Rattle-Vorgänger Claudio Abbado. Anna Larssons Stimme zeigt sich nun deutlich gereift, fasziniert mit herben, markanten Untertönen. Ihre echten Alt-Tiefen heben sich in „Es sungen drei Engel“ kontrastierend von den hellmunteren Rundfunkchor-Damen und kecken Knaben des Staats- und Domchors ab.

Und das Finale? Unter Iván Fischer erstrahlt es in gesunder Ruhe und intelligenter Wachheit – und zeigt, wie stark der Dirigent hier von barocker Linienführung beeinflusst ist.