Kultur

Als Sigmund Freud Kokain nahm

Liebesroman und Wissenschaftsgeschichte in einem: Der dritte Band des Briefwechsels zwischen Freud und Martha Bernays

Den schönsten Liebesroman der jüngeren Vergangenheit haben Martha Bernays und Sigmund Freud geschrieben. „Jünger“ ist diese Vergangenheit nur, weil die Briefbände des S. Fischer Verlags erst seit 2011 erscheinen. Die Briefe selbst stammen aus den Jahren 1882 bis 1886; bis das Paar heiratete, musste eine große Verlobungszeit verstreichen. Der mittellose Arzt in Wien und die Enkelin des Hamburger Oberrabbiners Isaak Bernays mussten lange einander entsagen. Gut für die Literatur, denn sie kann sich derzeit Speck anfressen wie selten – so kalorienreich ist die auf fünf Bücher angelegte Prachtausgabe.

„Geliebter, süßer Schatz“, „Mein teures Liebchen“, „Mein guter, lieber Sigi“ und dergleichen mehr, es ist im nun erschienenen dritten Band „Warten in Ruhe und Ergebung, Warten in Kampf und Erregung“ wie in den Vorgängern ein Feuerwerk der Liebkosungen. Der Brief vom 18. Januar 1884 beschreibt im Kleinen, um was es in den Hunderten Briefen immer geht, wenn er ihr schreibt: „Mein süßes Mädchen, ich wünschte mir recht oft solche Tage wie heute, durch kleine Erfolge und so herzliche Liebe ausgezeichnet.“ Denn darum geht es auch in der Korrespondenz der jungen Verlobten: nicht nur um das Gebalze der Verliebten, sondern immer wieder auch das persönliche Fortkommen des Nervenarztes Sigmund Freud, der später die Psychoanalyse erfinden sollte. Freud teilte Martha Bernays in seinen Briefen nicht nur seine romantischen Sehnsüchte mit, sondern auch den Stand seiner Forschungen. Das macht die – aufgrund der Fernbeziehung – manchmal dramatische Liebesangelegenheit Freud-Bernays zu einer Sache für Wissenschaftshistoriker.

Und im Falle der neuen Lieferung zur freudvollen Lektüre für Drogentheoretiker. Freud, das ist bekannt, erforschte eine Zeit lang das für ihn medizinisch interessante Kokain. Weil er von seiner Suchtwirkung zunächst nichts wusste, wurde er schon früh für seine Kokain-Arbeiten kritisiert. Wie sehr ihn die Experimente und die Resonanz darauf beschäftigen, zeigen die Briefe. Als Zentralfigur der Moderne ist Freud ein Mythos, aber wer an seinem Denkmal rütteln wollte, der konnte sich immer auf den Koks-„Scharlatan“ beziehen – wie die Herausgeber der Briefausgabe, die nichts anderes als die Ehrenrettung des großen Mannes anstreben, zu Recht anmerken, entkräftet die Lektüre des Briefwechsels manche der Vorwürfe.

Ernst Fleischl, Freuds Freund und Kollege, war es, stürzte von der Morphium- direkt in die Kokainsucht – er starb früh –, was beim später klügeren Freud Gewissensbisse verursachte. 1884 war über das neue und nur vermeintliche Zaubermittel zu wenig bekannt.

Freud erprobte es an sich selbst (und anderen), er genoss die euphorisierende Wirkung. Was sich mit dem Wissen späterer Tage als leichtsinnig herausstellte, hat im Kontext des unbeschwerten Augenblicks eine komische Note. „Wenn Du unartig bist, wirst Du sehen, wer stärker ist, ein kleines sanftes Mädchen, das nichts isst, oder ein großer wilder Mann, der Kokain im Leib hat“, schreibt Freud betont unernst auf die Nachricht, dass Martha schlecht aussehe. Bernays antwortet: „Du schrecklicher wilder Mann mit Kokain im Leib: Lass Dein Giftzeug zu Haus.“