Kultur

Lucinda Williams bringt Licht in die dunklen Seiten des Lebens

Die Country-Rock-Sängerin beim einzigen Deutschlandkonzert in Berlin

Hört man die Lieder, die sie in den vergangenen gut vier Dekaden geschrieben hat, hört man vor allem eines: Diese Frau hat in ihrem Leben jede Menge durchgemacht. Falsche Freunde, feiste Kerle, gefährliche Liebschaften. Enttäuschung, Verrat, Liebesfrust. Lange Nächte auf Highways, in Bars und Spelunken. Einsamkeit. Die amerikanische Sängerin und Songschreiberin Lucinda Williams bringt Licht in die dunklen Seiten des Lebens. Mit betörend düsteren Liedern von alltäglichem Schmerz und Leid.

Dass sie dabei vor allem auf der Bühne so viel positive Energie verbreitet, verwundert – und ist gleichzeitig bewundernswert. Ihr einziges Deutschland­konzert am Dienstagabend im Kesselhaus der Kulturbrauerei war schon seit Wochen ausverkauft. Man hat sie in Berlin schon mit lautstarker Country-Rock-Band in der Universal Hall erlebt, dann wieder beim intimen Abend in der Apostel-Paulus-Kirche, nur von Gitarrist Doug Pettibone begleitet. Nun hat sie sich mit dem kalifornischen Rocktrio Buick 6 zusammengetan, das zunächst für ein beinhartes, rein instrumentales Vorprogramm sorgt.

Kein Zufall. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und Manager Tom Overby hat Lucinda Williams inzwischen ihr eigenes Plattenlabel „Highway 20 Records“ gegründet. Dort sind nicht nur ihre beiden großartigen letzten Platten erschienen, sondern auch das Album „Plays Well With Others“ von Buick 6, auf dem Lucinda Williams bei einem Stück als Gastsängerin mitwirkt. Gitarrist Stuart Mathis, Bassist David Sutton und Schlagzeuger Butch Norton erweisen sich als virtuose Instrumentalisten, die mit ihrem vom Blues genährten Country-Rock schnell für sich einnehmen.

Tragische Geschichten, verpackt in treibende Country-Rock-Songs

Und die nach einer kurzen Pause als Lucinda Williams’ Begleitband zurückkehren. Das wird, soviel ist schon zu Beginn sicher, ein betont rockiges Konzert. „Protection“ vom 2014 erschienenen Doppelalbum „Down Where The Spirit Meets The Bone“, ein Song, in dem eine Frau Schutz einfordert gegen unehrliche Liebesbekundungen, steht am Anfang dieser Begegnung mit einer Ausnahmemusikerin, die es versteht, ihre meist tragischen Geschichten in eingängig zeitgemäße Country-Rock-Songs zu verpacken. Anfangs wirkt sie noch etwas zurückhaltend, aber mehr und mehr taut sie auf im Verlauf des Abends. Sie erzählt in diesem typischen breiten Südstaatenslang über ihre Songs, woher sie kommen, warum sie so sind, wie sie sind. Nicht alles ist im Kesselhaus zu verstehen, und das, obwohl der Sound in der Halle bestens ist.

Bereits 1979 hat die in Louisiana geborene Tochter des Schriftstellers Miller Williams mit „Ramblin“ ihre erste LP aufgenommen, noch mit Interpretationen klassischer Country- und Blues-Songs. Doch bereits auf dem Folgealbum bewies sie sich als intensive Songschreiberin, die ihr rastloses Leben kreuz und quer durch den amerikanischen Süden in kleinen poetischen Songdramen aufzeichnete. Auch einige Gedichte ihres Vaters hat sie vertont.

Erst mit dem fünften Albumfeierte sie ihren Durchbruch

Über Jahre endlosen Tourens durch die Klubs formte die langjährige Wahltexanerin ihren persönlichen Stil, dem Folk, Blues, Country und Rock als Treibmittel für die griffigen, mal wütenden, mal tragischen Lieder dienten. Doch erst mit dem grammygekürten fünften Album „Car Wheels On A Gravel Floor“ breitete sich 1998 die Kunde von der Einzigartigkeit der Lucinda Williams auch über die Grenzen eingeschworener Roots­-Zirkel hinaus aus. Da war sie bereits 45 Jahre alt. Das pumpende „Can’t Let Go“ von eben jenem Album erklingt als zweites Stück des Abends.

Da hat sich das Publikum aber schon an ausgiebigen „Happy Birthday“-Gesängen abgearbeitet. Denn Lucinda Williams steht an ihrem Geburtstag in Berlin auf der Bühne. 63 Jahre alt ist sie geworden. Oder eben „63 years young“, wie sie breit gedehnt und mit einem Grinsen im Gesicht in die Menge ruft. Sie streift durch ein weitgefächerten Repertoire, von „Drunken Angel“ über „Are You Down“ bis „Honey Bee“.

Bruce Springsteens „Factory“ macht sie zur beklemmend unheildräuenden Ballade. Das erinnerungsschwangere „Lake Charles“ singt sie allein zur akustischen Gitarre. Dabei ist ihre Stimme von selbstbewusster Klarheit, vibriert vor Emotion, ist leicht brüchig. Diese Stimme ist vom Leben gezeichnet. Sie schürt Emotionen. Sie bewegt. Viele neue Stücke sind zu hören. Kein Wunder, denn Lucinda Williams, inzwischen in Los Angeles zu Hause, war nach vielen Höhen und Tiefen in den vergangenen Jahren ungeheuer produktiv.

Das gerade erschienene Doppelalbum „The Ghosts Of Highway 20“ ist ihre zweite Veröffentlichung auf dem eigenen Label. Die 14 durchweg überlangen Songs dauern zwischen fünf und zwölf Minuten, atmen die Weite der amerikanischen Highways, sind feinsinnig arrangiert und veredelt durch Pedal-Steel-Gitarrist Greg Leisz und Avantgarde-Saitenguru Bill Frisell. Da geht es live mit Buick 6 schon deftiger und rauer zur Sache. Über weite Strecken regiert der von kantigen Riffs angetriebene Rock ’n’ Roll.

Mehr als zwei Stunden gibt sich ­Lucinda Williams bodenständig ihrem begeisterten Publikum hin. Und beginnt den Zugabenteil doch tatsächlich mit einer krachenden Version von „Should I Stay Or Should I Go“ von Clash. Dann wird noch einmal gefeiert. Eine Geburtstagstorte samt Kerzen wird auf die Bühne gebracht, die Band spielt einen funkrockigen Groove und singt „Happy Birthday“ für die gerührte Chefin.

Der Groove geht über in „Joy“, den Song mit der klassischen Zeile „You took my joy, I want it back“, die es hinten am Merchandisestand auch als ­T-Shirt gibt. Zum endgültigen Finale legen sich Lucinda Williams und ihre drei Musiker machtvoll in Neil Youngs „Rockin’ In The Free World“, bevor sie sich begleitet von frenetischem Jubel endgültig von Berlin verabschieden.