Konzert-Kritik

Ein Klavierspiel, bei dem schon das Zusehen schmerzt

Da ist es nun, das Philharmonie-Debüt des Pianisten Daniil Trifonov: jener langerwartete zweite Berliner Auftritt des jungen Russen, der bereits als neuer Vladimir Horowitz gehandelt wird. Und obwohl ein Vergleich mit der größten Virtuosenlegende des 20. Jahrhunderts gewagt anmutet – er hilft dann doch, sich einen Begriff von den unerklärlichen Fähigkeiten zu machen, mit denen Trifonov sein Publikum an diesem Abend so reich beschenkt. Seinem Klavierspiel wohnt ein ähnliches Horowitzsches Drängen inne, das sich bis zur genialischen Verrücktheit steigern kann, eine Art kreative Nervosität, die sich unmittelbar auf das Publikum überträgt. Das Programm des 24-Jährigen wirkt ebenso sperrig wie vielseitig, so anspruchsvoll wie verwegen. Bereits zu Beginn eine Rarität: Brahms’ Bearbeitung der d-Moll-Chaconne von Bach für die linke Hand – eine Studie, die sogar von den bedeutendsten Brahms-Spezialisten gemieden wird, weil sie so undankbar gesetzt scheint. Gerade dies scheint Trifonov indes zu reizen: das Karge, Skizzenhafte zu neuem musikalischen Leben zu erwecken. Er tut dies, je nach Stimmungslage der Variationen, mal mit strengem Ernst, dann mit kontemplativer Ruhe, mal heftig zupackend, dann wieder himmlisch entrückt.

Langen künstlerischen Atem beweist Trifonov auch in Schuberts G-Dur-Fantasie-Sonate D 894. Sein federleichtes Pianissimo fasziniert zunächst mehr, als dass es berührt. Bezwingend dagegen die dramatischen Zuspitzungen im Forte und Fortissimo. Im Menuett und Finale geschieht dann das Unfassbare: Trifonov scheint die Partitur plötzlich nicht mehr nur bis ins letzte Detail zu durchdringen und jede harmonische Wendung intuitiv nachvollziehen zu können. Er strahlt zugleich eine schöpferische Macht und Souveränität aus, die schwindeln macht. Ob hauchzarte Poesie, derbe Tanzeinlagen oder eigenwillige Tempodehnungen – man möchte ihm alles glauben. Dass Trifonov mit Brahms’ erstem Heft der fingerbrecherischen Paganini-Variationen op. 35 wieder in der Realität landet, kann ihm kaum zum Vorwurf gemacht werden. Wenn es dem Gewinner des Tschaikowski-Wettbewerbs von 2011 hier um technische Makellosigkeit gegangen wäre, hätte er den Zyklus – wie wohl jeder andere Pianist – erst nach der Pause gespielt. Doch Trifonov will es wissen, er stürzt sich mit vollem Risiko ins Getümmel. Sein Rücken krümmt sich tief in die Tastatur, während die Finger an seiner Nase vorbeiflitzen und anatomisch schier unmögliche Sprünge vollführen. Kurzum: Es ist ein Klavierspiel, bei dem man Schmerzen vom bloßen Zuschauen bekommt.

Nicht jeder Zuhörer scheint auf ein dermaßen fordernden, ja überfordernden Abend eingestellt. In der zweiten Konzerthälfte bleiben ein paar Plätze frei – vermutlich auch, weil nun Rachmaninoffs hierzulande kaum bekannte erste Klaviersonate op. 28 auf dem Programm steht. Trifonov scheint Rachmaninoffs Klangsprache mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Er spielt diese Sonate, als würde es kein passenderes Werk in diesem Moment geben. Sein Spiel strahlt Stolz und Weite aus, Demut und Melancholie. Und doch sind es vor allem jene dämonische Wucht und eindringliche Schärfe, die den Zuhörer noch weit über das Konzert hinaus verfolgen.