Kultur

Sehr spannend, aber auch sehr schwierig

Angela Winkler betritt fremdes Terrain und gibt ihr spätes Debüt an der Staatsoper

„Das Genie muss weg, sagt das Mittelmaß. Es stört und bringt die göttliche Ordnung durcheinander“, formuliert die Regisseurin Elisabeth Stöppler den Untersuchungsgedanken für ihre „Stückentwicklung“, die am 28. Januar Premiere an der Staatsoper Berlin hat. Nikolai Rimski-Korsakows Kurzoper „Mozart und Salieri“ erwächst der Abend, an dem es um den Gedanken geht, welche Verantwortung Menschen zu jeder Zeit für ihre Freiheit tragen. Angela Winkler, eine der wichtigsten deutschen Theaterschauspielerinnen, die viel mit Klaus Michael Grüber, Peter Zadek und Robert Wilson gearbeitet hat, spielt in „Mord an Mozart – eine Stückentwicklung“ zum ersten Mal an der Staatsoper. „Vor Jahren durfte ich schon einmal bei einer Schubertoper unter der Leitung von Claudio Abbado mitarbeiten. Und vor zwei Jahren habe ich an der Ruhrtriennale ‚Das Mädchen mit den Schwefelhölzern‘ von Lachenmann gespielt. Das war eine spannende Arbeit. Jetzt ist es wieder sehr spannend – und wieder sehr schwierig.“

Die Kurzoper „Mozart und Salieri“ von Nikolai Rimski-Korsakow ist für den Abend um Fragmente aus einem Briefwechsel zwischen Freud und Einstein ergänzt, die Episode „Der Großinquisitor“ aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ und um David Robert Colemans Bearbeitung von Mozarts Requiem. Auch Schostakowitschs Streichquartett No. 8 gehöre zur Musikauswahl, „daahaaa, damm-damm-tamm“, singt Angela Winkler, da brauche es Technik, um mit dem gesprochenen Wort durchzugreifen. „Der Weg dahin ist hier wirklich ein besonderer.“

Etwas Neues war für die Schauspielerin die Vorbereitung an einem Opernhaus. „Fremd ist mir an der Oper die Herangehensweise. Es ist hier alles so getrennt: Sänger, Schauspieler, Komponist, Pianist, Dirigent, das Streichquartett, das Streichorchester – jeder will das Beste geben, jeder hat aber auch seine eigenen Interessen. Zum Beispiel die Sänger müssen ihre Stimme schonen, damit sie am Tag der Premiere geschmeidig ist. Bei uns Schauspielern gibt es das nicht. Wir können auch mit heiserer Stimme arbeiten oder mit Arm in Gips. Es ist sogar gut, wenn wir nicht perfekt sind. Deshalb habe ich so gern mit Zadek und Grüber gearbeitet. Wir spielten einfach miteinander.“

Gleichzeitig sei freie Zeit für die innere Vorbereitung wichtig. „Zadek hat abends nie Proben angesetzt, damit jeder die Möglichkeit hatte, mit seinen Gedanken allein zu sein. Wenn man als Schauspieler einen Menschen zum Leben bringen will, der auf dem Papier geschrieben ist, gibt es einen riesigen Wust an Gedanken und Gefühlen. Um diesen zu ordnen, braucht es dieses Runterkommen, diese freien Abende.“

Um ideologische Vernichtung geht es in Rimski-Korsakows Kurzoper und auch in den ausgewählten Texten. „Zu einer fertigen Deutung wird es bis zur Premiere nicht gekommen sein“, sagt Angela Winkler. „Als ‚Stückentwicklung‘ ist dieser Abend untertitelt, wir zeigen, wie wir an etwas arbeiten.“ Die Oper handelt vom Genie Mozart, die Betrachtung danach allgemein von Individuen, die herausstechen und gegen die ihre Umgebung Gewalt entwickelt.

Work-in-progress bei „Mord an Mozart“ bedeute eben auch, dass immer wieder alles umgeworfen werden könne und neu belebt werden müsse. Mozart wurde zwischenzeitlich bei Schostakowitsch zu Jesus und Salieri zu Dostojewskis Großinquisitor. Diese Bilderwelt wurde wieder zurückgenommen. „Jetzt stehe ich im Mittelteil allein auf der Bühne. Nach der Oper ‚M. u. S.‘ gibt es einen völligen Bruch. Und nun bin ich einfach so ein kleiner Mensch, der etwas liest: Dostojewskis ‚Brüder Karamasow‘.“ Wie es weitergeht? „Stückentwicklung“, schmunzelt sie.

Staatsoper im Schillertheater, Bismarckstr. 110. Premiere: 28.1. Weitere Termine: 30.1., 2., 4. u. 13.2., je 19.30 Uhr