Kultur

Auge in Auge mit Beate Zschäpe

Psychologie im Plauderton: Ein ZDF-Dokudrama versucht sich der mutmaßlichen Rechtsterroristin anzunähern

Es ist ein riskantes Projekt, das Regisseur Raymond Ley hier auf sich genommen hat. Denn Beate Zschäpe, die sich seit bald drei Jahren vor dem Staatsschutzsenat des Münchener Oberlandesgerichts wegen ihrer mutmaßlichen Mittäterschaft im „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) verantworten muss, ist trotz ihrer regelmäßigen Präsenz in den Medien eine undurchsichtige Person geblieben. Sie schweigt, wir wissen wenig über ihre Motive und Ansichten. Wenn also psychologische Erklärungsmuster fehlen: Wie soll eine Schauspielerin sie dann glaubwürdig verkörpern können? Und, gravierender noch: Läuft eine Fiktionalisierung nicht Gefahr, ein Urteil in die Welt zu setzen, bevor das Gericht eines gesprochen hat?

Aber Raymond Ley, der mit seiner Frau Hannah Ley auch das Drehbuch geschrieben hat, ist bekannt für den sensiblen Umgang mit historischen Stoffen – und für den ungewöhnlichen Zugriff auf sie. Das konnte man bereits vor einem guten Jahr bemerken, als die beiden in „Meine Tochter Anne Frank“ die Geschichte des jüdischen Mädchens aus der Perspektive des Vater-Tochter-Verhältnisses noch einmal neu und spannend erzählten.

Auch diesmal haben sie eine Sichtachse gefunden, die dem Stoff angemessen ist. Als Beate Zschäpe bereits in Köln-Ossendorf inhaftiert war, am 25. Juni 2012, fuhr sie in Begleitung zweier BKA-Beamter nach Thüringen, um ihre kranke Großmutter zu besuchen. Hin und zurück war man acht Stunden auf der Autobahn unterwegs. Zschäpes Anwälte hatten darauf bestanden, dass in dieser Zeit kein Verhör stattfinden dürfe – aber natürlich bot die Fahrt Gelegenheit, gewissermaßen im Plauderton Hintergründe auszuleuchten über die Mordserie des NSU, über das Zusammenleben Beate Zschäpes mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die Beamten fertigten danach ein Gedächtnisprotokoll des Gesprächs an, das nun die Grundlage des Films liefert.

Und das funktioniert aus mehreren Gründen. Am wichtigsten: Im Zentrum der Erzählung steht eine offene Situation. Joachim Król in der Rolle des BKA-Vernehmers bemüht sich mit viel Teddybärencharme, eine möglichst harmlos erscheinende Smalltalk-Atmosphäre herzustellen. Zusammen mit seiner Kollegin (Christina Große) verwickelt er Beate Zschäpe (Lisa Wagner) in Gespräche über das Wetter, das Essen im Gefängnis und das Fernsehprogramm – und Spannung bezieht der Film daraus, dass es ja immer nur ein winziger Schritt ist von dem, was man so dahinredet, zu dem, was man unbedingt verschweigen will.

Lisa Wagner schafft es, sich auf schon fast beängstigende Weise in die Beate Zschäpe zu verwandeln, die wir alle zu kennen meinen – und doch ihr Geheimnis zu wahren. Der sparsame Gestus, die unwirschen Blicke, die oft arrogant wirkende Mimik: Das alles kann man kaum besser nachempfinden. Zu straucheln beginnt der Film in den Rückblenden, die von Zschäpes Zusammenleben mit Böhnhardt und Mundlos erzählen: Denn hier wagt er sich ins Spekulative vor, indem er etwa die erotische Bindung des Trios beschreibt oder indem er Zschäpe eine dominante Rolle zuweist („Schuhe ausziehen!“) – worüber wir doch, wenn wir ehrlich sind, nichts wissen. Die Spannung des Kammerspiels im Bus leidet unter diesen Ausflügen ins Mutmaßliche. Das gilt nicht für die Statements von Angehörigen der Opfer, ohne die der Film nichts sagen könnte über die Bilanz des NSU. Über eine beispiellose rechtsterroristische Anschlags- und Mordserie, die uns noch lange beschäftigen wird.

„Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe“. ZDF, Di., 20.15 Uhr