Kultur

Passend zur Weltlage: Eine instabile Klangwelt

Spielarten der zeitgenössischen Musik beim Ultraschall-Festival

Ein Posaunenchoral singt über tiefen Streichern, es ist ein nostalgischer Ruf, welcher aber von klopfender Perkussion unterbrochen wird. Das Orchester stößt einen unterdrückten Schrei aus. Zum Finale des "Ultraschall"-Festivals für Neue Musik wird Peter Ruzickas "Flucht. Sechs Passagen für Orchester" vom Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Franck Ollu uraufgeführt. Als ein "Vorecho" seiner kommenden Oper über den in Charlottenburg geborenen Philosophen und Schriftsteller Walter Benjamin bezeichnet Ruzicka das fünfzehnminütige Werk im Gespräch im Haus des Rundfunks. Die "Wunden des 20. Jahrhunderts" seien für ihn ein wichtiges Thema, so der deutsche Komponist und Dirigent, der vor allem auch als Intendant in Salzburg bekannt ist. Um Wunden ging es bereits auch in seinem Bühnenwerk "Celan" über den gleichnamigen Dichter.

Ruzickas Musik reflektiert nicht nur über die Texte und das Leben historischer Persönlichkeiten, sondern auch über sich selbst, über das ästhetische Sein. Die Klangsprache von Gustav Mahler, dem Vorreiter der Moderne, spielt darin eine besondere Rolle, und bei "Flucht" wird der Faden weiter durchgezogen: Das existenzielle Leiden findet in mehrfach aufgeteilten Streichern statt, dazu wirbelt bedrohlich die Trommel. Dennoch werden die Gesten fließend in die transparente Form eingewoben. Die "rastlosen Reisen" des aus Deutschland frühzeitig geflüchteten Benjamins (1892–1940) konkretisieren sich in aufwallenden, zum Teil eindeutig opernhaften Emotionen, welche aber so meisterhaft durchkonstruiert sind, dass der bittere Geschmack einer verlorenen Kultur unter den Teppich gekehrt wird.

Obwohl sich der Komponist Robert HP Platz in seinem 2010 uraufgeführten Stück "Blau, See" ebenfalls mit Mahlers großen Gesten beschäftigt, scheint er doch eher im Stil eines Aquarells die Riesenleinwand zu bemalen. Nachdem die Basstrommel die Solooboe mit Schlagen bedroht, singt sie beschwichtigend vor einer weiten Landschaft weiter. Das Orchester strömt heran und tritt zurück wie ein Meer in den Gezeiten.

Die Botschaft des diesjährigen Festivals, alle möglichen Richtungen der zeitgenössischen Musik aufzuzeigen, wird mit Liza Lims "Pearl, Ochre, Hair String" ausgereizt. Die australische Komponistin setzt sich vor allem mit Ritualen und performativer Ästhetik von asiatischen und australischen Urvölkern auseinander. Rau und heulend zugleich spielt das Solocello. In Anschluss treten die Perkussion und Bläser in eine Art verzerrte Prozession ein. Die im Werk miteinander kollidierenden Texturen erzeugen eine instabile Klangwelt. Lim gelingt es, den von der Neuen-Musik-Szene geforderten technischen Fortschritt mit einem klaren dramatischen Bogen zu veredeln.

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