Kultur

Zwischen Wagnis und Banalität

Beim Klangfestival Ultraschall gibt es Opern für Geräuschemacher und Toncollagen mit der Spree

Wie in zwei bläulich schimmernde Eisblöcke aus Klang eingeschlossen, spielen Cellistin Cosima Gerhardt und Klarinettist Theo Nabicht Agata Zubels Werk „Ice“. Die Live-Elektronik schafft den unsichtbaren Rahmen, bevor aus den Lautsprechern rings um das Paar auf der Bühne des Radialsystems eine Wasserwand zu brechen scheint und die Klangskulptur davonspült. Von monumental bis mikrotonal hat das Festival Ultraschall Berlin die Ohren erfrischt, gesättigt, geweitet, ein höchst konzen-triertes langes Wochenende lang.

Neue Orte hat sich die Konzertreihe erschlossen. Im ehemaligen DDR-Funkhaus Nalepastraße gibt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Matthias Hermann eine Hommage an Komponist Friedrich Cerha, und das Minguet Quartett leuchtet Werke von Wolfgang Rihm und Peter Ruzicka aus. Im Heimathafen Neukölln wird lustvoll gestritten über Marginallinien zwischen Wagnis und Banalität. Das ensemble mosaik rahmt einen Mammutabend mit Balladen von Francesco Filidei und seiner entzückenden „Opera forse“ um die Hochzeit eines Karpfens mit einer Nachtigall, für einen Sprecher und sechs Geräuschemacher. Im dritten Teil des Abends collagiert Komponistin Karen Power Geräusche der Spree zu „veiled babble“, von Smartphones abgespielte Soundfiles, zu denen das Ensemble live spielt.

Im Mittelteil entdeckt der Perkussionist Håkon Stene die Evolution des Schlagzeugs, mit Bravo- und Buhrufen gleichsam bedacht. Neue Musik muss akustisch beinahe wehtun und auf jeden Fall furchtbar ernst sein, scheint die Auffassung der einen zu sein. Andere sprechen Neuer Musik jeden Humor ab und buhen mit Verve, wenn ein Werk Geräusche-Slapstick einbaut. Ist aber, wer Konstantia Gourzis gütestrahlende Engelepisoden mag, interpretiert vom Minguet Quartett und vom Oboisten François Leleux, im Irrtum? Versteht einer nichts von Neuer Musik, der über Trond Reinholdtsens Midlife-Crisis-Komposition „Inferno“ lacht, basierend auf Strindbergs Autobiografie?

Wie schön, dass Ultraschall Berlin alle Sichtweisen gestattet und so vielen Komponisten die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten. Jeder von ihnen schafft mit einem Werk einen Raum in seinem eigenen Kosmos. Die einen schieben Ballast durch die Tür und stehen gleich im Gerümpel, den anderen glückt es, ihren Raum mit eigener Klangsprache bis in den letzten Winkel anzufüllen, luftig oder archaisch, mathematisch komplex oder obertonreich changierend. Als Zuhörer in diesen Klanggebäuden zu lustwandeln und bis in den späten Abend seine Hörgewohnheiten erweitern zu lassen, dazu hat Ultraschall Berlin auch in seinem 18. Jahr wieder wunderbar eingeladen.