Opern-Kritik

Undurchschaubare Dreiecksbeziehung mit serieller Musik

Uraufführung in der Tischlerei der Deutschen Oper: „Sensor“

Das Bühnenbild wird man so schnell nicht vergessen. Allein deshalb lohnt es sich, die Tischlerei der Deutschen Oper zu besuchen. In der Mitte des leeren Raums hat Sophia Schneider die Ruine eines gutbürgerlichen Hauses aufgestellt. Zwei Wände und das Dach sind eingestürzt. Putz und Balken liegen zwischen Bett, Sofa und Badewanne. Drei Gestalten versuchen zwischen und unter den Trümmern, ihr Leben neu zu ordnen. Die Zuschauer sind beweglich. Sie dürfen während der Uraufführung des Musiktheaterwerks „Sensor“ von Komponist Konrad Boehmer um das Haus herumlaufen, durch das Fenster und die Tür sehen, die Schauspieler und den Raum aus immer neuen Perspektiven entdecken. Überall stehen Monitore mit Liveübertragungen, während Videowände eine heile Gegenwelt präsentieren. Das Ganze hat etwas Voyeuristisches und fasziniert das Premierenpublikum. Die junge Regisseurin Verena Stoiber und ihre Ausstatterin haben 2014 den renommierten Ring Award bekommen und sind seitdem zwischen Berlin, Nürnberg und Graz gefragt.

Boehmers Werk von 2007 ist alles andere als leicht zu inszenieren. Es ist keine Oper im traditionellen Sinn. Es gibt keine Geschichte, keine klar umrissenen Charaktere, ja nicht einmal Sänger. Der Text von Albert Ostermaier, der viele Theaterstücke für große Häuser geschrieben hat, ist gespickt mit kraftvollen Bildern. Sein Libretto ist eigentlich ein Gedicht, das Morgane Ferru, Ruth Macke und Stephan Baumecker mit Leben füllen. Jeder der drei Schauspieler hat einen langen inneren Monolog, in den Einwürfe der anderen einfließen. Die Ruine spiegelt die Katastrophe, die sich offenbar im Seelenleben der drei abspielt. Sie erzählen in blumigen Bildern von ihren Ängsten, Nöten, Unruhen. Was eigentlich passiert ist und welche Art von Dreiecksbeziehung sie miteinander führen, darf sich der Zuschauer selbst zusammenreimen.

Der Mann wirkt wie ein Handelsvertreter, der von seinen Reisen erzählt, aber das ständige Umherziehen satt hat. Die junge Frau, vielleicht seine Geliebte, traut sich nicht aus der Wohnung und hat Angst um ihre Beziehung. Die ältere Frau könnte so etwas wie eine Domina sein. Es kann aber auch alles anders zusammenhängen. Vielleicht sind es drei Facetten einer einzigen Figur, wie der Dichter einmal suggerierte. Konrad Boehmer und Albert Ostermaier haben seit 1999 vier Werke gemeinsam erarbeitet, aber „Sensor“ ist ihr einziges Musiktheaterwerk. Der Serialismus gilt eigentlich als abgeschlossenes Kapitel der Musikgeschichte. An seiner eigenen Ausprägung von Serialismus hat Boehmer bis zu seinem Tod 2014 festgehalten.

Seine „Sensor“-Musik klingt keinesfalls spröde und akademisch. Ein Pianist, ein Klarinettist und zwei Schlagwerker gestalten dramatische und lyrische Klangereignisse, die liebevoll auf die Textpassagen eingehen. Ein raumgreifendes Sechs-Kanal-Zuspiel mit elektronischer Musik sendet dazu wispernde, zwitschernde, prasselnde Kommentare. Schön, dass dieser hierzulande unterschätzte Komponist es immerhin mal auf die kleine Bühne der Deutschen Oper geschafft hat.

Deutsche Oper, Tischlerei, Eingang Zillestr. Nächste Termine: 26.–29.1., 20 Uhr