Pop-Kritik

Life of Agony ist zurück – der Sänger ist jetzt eine Frau

Keith Caputo hat es nie einfach gehabt. Seine Mutter starb an einer Überdosis Heroin, als er noch ein Baby war, auch der Vater ging an Drogen zugrunde. Das Loch in seinem Leben war stets ein Schlüsselthema im Werk des New Yorkers, in jungen Jahren thematisierte er seine Ängste in düster-hartem Metalcore mit seiner Band Life of Agony, später auf Solopfaden mit melodischerem Alternative-Rock. Seit Anfang 2014 ist die alte Band wieder auf Tour. Es sind dieselben Leute von damals, nur Keith ist nicht mehr derselbe. 2011 gab der Sänger bekannt, von nun an als Frau leben zu wollen. Ihr neuer Name: Mina Caputo.

Es wurde in Szenekreisen oft über den Mut gesprochen, als offen lebender Transsexueller noch mal mit der alten Band zu touren. Wenn man sich im prall gefüllten Huxleys umsieht, bekommt man eine Ahnung, wieso. Neben einem ungewöhnlich hohen Frauenanteil bemerkt man viele alte Fans, denen man die Hardcore- und Metal-Sozialisation ansieht, harte Typen mit massigen Körpern, Tätowierungen und rasierten Schädeln. „Ich habe mich umgeben von Macho- und Alphatier-Typen immer unwohl gefühlt, “ hatte Caputo in einem Interview nach dem Coming-out als Transgender erklärt. Wie fühlt sich ein starker Mann, wenn einer seiner alten Helden plötzlich Brüste hat?

Am Freitagabend trägt Mina Caputo Röhrenjeans und ein David-Bowie-T-Shirt mit Rückenausschnitt, unter dem ein Top mit gekreuzten Spagettiträgern hervorblitzt. Zwischen Bassist Alan Robert und Gitarrist Joey Z. in ihren Muskelshirts wirkt die Sängerin geradezu zerbrechlich. Caputos Bewegungen mögen im Vergleich zu früher femininer sein, die Stimme ist es nicht. Besonders bei melodischen Stücken wie „The Other Side of the River“ bebt ihr Bariton auf Augenhöhe mit den schweren Gitarrenriffs und den Schlagzeugattacken von Drummer Sal Abruscato. Besonders das Stück „Weeds“ klingt um einiges härter als auf Platte. Es ist der einzige Moment, bei dem man kurz das Gefühl bekommt, Caputo wolle irgendwie beweisen, dass ihr mit dem Testosteron nicht auch die Power abhanden gekommen ist. Ansonsten geht sie ihre Verwandlung offensiv an, adressiert das Publikum genüsslich als „Babys“ oder „Darlings“ und streicht sich immer wieder sinnlich die langen Haare aus dem Gesicht.

Es ist schön, hier keine Vorurteile bestätigt zu bekommen. Das Publikum tanzt Pogo, statt zu gaffen. Tatsächlich hat Life of Agony seit je her Szene­klischees aus den Angeln gehoben, mit Texten, die eigentlich immer zu gefühlvoll für eine Metalband waren. „Danke Berlin, für diesen Abend, für eure Wärme und Akzeptanz“, strahlt die Sängerin nach der Zugabe. 2016 will die Band ein neues Album veröffentlichen, das erste in zehn Jahren. Man fragt sich, wie Caputo weiter solch düstere Texte schreiben will. Es wirkt, als fühle sie sich dafür zu wohl in ihrer Haut.