Max-Schmeling-Halle

Die neue Sauberfrau des Britpop

In Großbritannien und den USA ist sie längst ein Topstar. Auf der Hochzeit von Herzogin Kate und Prinz William durfte sie „Your Song“ von Elton John singen. Aber in Deutschland ist die Sängerin, die für die royale Hochzeit quasi per Dekret geadelt wurde, noch kein Superstar. Die Max-Schmeling-Halle ist voll, aber nicht ausverkauft.

Goulding ist das neue blonde Pop-Gift, mit einer Nachfolge auf Britney Spears, Christina Aguilera oder Lady Gaga hat ihre Performance allerdings nichts zu tun. Exzentrik, Drogenexzesse oder ein sexy Schlammwrestling-Image sind von der Engländerin zu erwarten. Mit ihrer ungiftig, netten Art ist sie die Königin der Normalos. Ihre unproblematische Person schafft perfekte Voraussetzungen sowohl für den Buckingham Palace als auch die USA.

Beim Auftritt in Berlin schürzt Goulding gern die prallen Lippen und trägt Felljacken mit nichts drunter. Kunstfelljacken natürlich, Goulding ist Vegetarierin. Musiktechnisch hat die Engländerin eine fast wilde Vergangenheit. Mit 14 sei sie eine aufmüpfige Gothik-Verehrerin gewesen, an der Uni schrieb sie traurige Singer-Songwriter-Lyrik. Ihre Liaison mit Skrillex öffnete sie für Elektro. Jetzt macht sie Pop. Passend dazu hat sie ihr aktuelles Album „Delirium“ genannt. Jetzt, mit 29 Jahren, sei ihr endlich alles klar.

Auf Kunstnebel zum Warm-up wird verzichtet. Wir hören ein ätherisches Intro. Sonst deutet nichts auf ein mögliches Delirium hin. Aus einem Goldvorhang wird Goulding ausgewickelt. Sie trägt Minihotpants und eine schwarze Jacke. Vor ihr tanzen zwei Männer, die an Krieger aus „Game of Thrones“ erinnern. Goulding singt dazu „I know there’s nothing that I can do to make you stay“.

Goulding ist stolz darauf, eine besonders wenig kontroverse Figur im Musikbusiness zu sein. Das gilt auch für ihre Musik. Untermalt von dröhnenden Beats, legt sich eine weiche Wolke der Einfachheit über das Publikum. „Love me like you do“ findet man auf dem Soundtrack zu „Fifty Shades Of Grey“. Goulding hat ihr Felljäckchen aus- und ein sündiges Lack-Dings übergestreift. Abgesehen davon hat „Love me like you do“ keine ungezogenen Komponenten. Lo-lo-lo-lo-looove kann ganz einfach sein, wenn man das Gegenüber einfach mal machen lässt. Ob im Mondlicht und auf dunklen Wegen (damit meint Goulding sicher nicht die schlechte Ausleuchtung), einfach machen lassen und liiiieben.

Ansagen und Publikumskontakt sind nicht Gouldings Sache. Das Programm läuft durch, die Beats knallen aus den Boxen, lassen keine Zeit zum Schnacken. Klar, die Frau ist ein Profi, den Spaß mag man ihr aber nicht so recht abnehmen. Roboterhaft war schon ihr Auftritt bei „The Voice“ , wo sie mit einer Kandidatin im Duett singen sollte. Selten klang ein „Sie ist wunderbar“ deutlicher nach einer einstudierten Hülse. Da half auch die ständige Wiederholung nichts.

„Es ist zu leise“, sagt Goulding, als sich das Publikum einen Song wünschen soll. Sie zieht eine Schnute, dann fängt sie sich. Die Show muss weitergehen, der folgende Titel war ohnehin bereits festgelegt. Unter goldenem Konfettiregen verschwindet die unterkühlte Goulding hinter der Bühne. Es ist noch vor zehn, zum „Dschungelcamp“, dem TV-Hort des Deliriums kann man es jetzt noch schaffen.