Kultur

Man muss nicht immer über Gefühle singen

Studio Braun alias Fraktus bespielen und bespaßen das ausverkaufte Astra

Das Astra ist ausverkauft. Dicht gedrängt wartet man. „Sie ist die beste Liveband Deutschlands“, tönt es über die Köpfe. Fraktus. Das war ein Film von Studio Braun. Er erschien 2012. Eine Dokumentation über eine Band, die den Jingle der Telekom erfand und auch – eine Sensation – den Smiley. Dieter Meier (Yello) trat darin auf, und Blixa Bargeld natürlich, auch überraschenderes Personal wie H. P. Baxxter (Scooter) erinnerte sich liebenswürdig an die Band, die im Laufe der Doku wieder zusammenfand. Musik machte. Vier Jahre später lebt Fraktus noch immer. Es gibt ein neues Album „Welcome to the Internet“ und eine feinfühlige Single über Alltagsparanoia: „Die Toten schauen dir beim Wichsen zu.“

Endlich betreten Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger, die deutschen Spinal Tab, Fraktus, die Astra-Bühne. Sie tragen rote Anzüge wie Kraftwerk, sie leuchten grün wie Ampeln. „Imagine“, sagt Dickie „Schamoni“ Schubert, „you could be wherever you wants to be“ und das Publikum tanzt nicht, es lacht stehend. Denn klar, es heißt nicht „wants to be“, das ist ein Fehler, und nichts ist so lustig wie ein Fehler. Fraktus, erinnert man sich, die haben die urdeutscheste Musik, den Techno erfunden. Heinz Strunk holt die Querflöte raus, live, und spielt wunderbar, druckvoll, aber auch gespuckt.

Es folgt Hit auf Hit dieser wirklich sehr deutschen Band. Eine Hymne über saugstarke Tücher etwa. Hier heißt es „Saugen auf“ statt „Augen auf“. „Saugen auf viel Nasses“. Man wippt beschwingt. Man muss nicht immer über Gefühle singen, das ist die Botschaft der Band. Man ist viel erfinderischer, origineller und wohl auch deutscher, wenn man über etwas Technisches singt, das dennoch alle betrifft. Mit dem richtigen Beat wird alles tanzbar.

Fraktus trauen sich was, auch politische Ansagen. Die Band aus Brunsbüttel macht klar, sie waren für Olympia in Hamburg. Denn die Hymne dazu hatten sie schon lange in der Schublade. Das Publikum buht. Die Band weiß, sie muss jetzt dagegenhalten. Die schlechte Stimmung mit einem Feuerwerk an Gute-Laune-Sprüchen konterkarieren: „Geht das nicht noch lauter?“, ruft Wand. Und: „Geht das nicht Niki Lauda?“ Er endet mit: „Haltet einfach die Schnauze.“

Der Band geht auch 2016 der Geschäftssinn nicht ab. Minutenlang stellen sie ihr Merchandising vor. Weil sie nicht wollen, dass es am Ende wieder keiner mitbekommt. Sie sind, auch das zeichnet sie aus, sehr ehrlich aber dabei trotzdem feinfühlig. Die Banane, für viele Menschen aus der ehemaligen DDR immer noch ein sehr wertvolles Obst, das im „dschungelmäßigen Softpack“ daherkommt, ist oftmals nicht verlustfrei zu öffnen. Das Bananenköpfchen wird beim Öffnen häufig beschädigt, sie sagen, das muss nicht sein. Fraktus hat nicht nur den Techno, sondern auch das Bananenschneidemesser für den Schlüsselbund erfunden. Man klatscht, lange, dann versinkt man wieder in den stumpf rummsenden Beats all ihrer größten Hits und der Alltag, das Leben, und mit ihm der Tod, sind ganz weit weg.