Kino

Der letzte Ossi: „Berlin is in Germany“ im Zoo Palast

In seinem Filmdebüt entließ Hannes Stöhr 2001 den letzten Ossi ins vereinte Deutschland. Am 2. Februar stellt er den Film im Zoo Palast vor.

Das Leben ist eine Baustelle: Martin Schulz (Jörg Schüttauf) fährt durch Berlins Mitte, wo gerade das neue Regierungsviertel entsteht

Das Leben ist eine Baustelle: Martin Schulz (Jörg Schüttauf) fährt durch Berlins Mitte, wo gerade das neue Regierungsviertel entsteht

Foto: Piffl Medien / BM

Nicht vielen Filmen gelingt es, zu echten Zeitbildern zu werden. Sodass man sie immer wieder sehen will, mit diesem neugierigen Blick: Guck mal, so war das damals. Nur ganz wenigen Filmen aber gelingt es, schon zu ihrem Kinostart ein Zeitbild zu sein. Und es später dann auf einer zweiten Ebene noch einmal zu werden.

So wie Hannes Stöhrs Filmdebüt aus dem Jahr 2001. Ein Film wie gemacht für „Hauptrolle Berlin“, die Reihe, mit der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt. Und dort am 2. Februar, in Anwesenheit des Regisseurs, noch einmal „Berlin is in Germany“ zeigt.

Stell dir vor, du wachst auf, und die DDR ist weg

Ein Film über den „letzten Ossi“. Ein Mann aus Ost-Berlin, der noch kurz vor Mauerfall ins Gefängnis kam und elf Jahre später entlassen wird. Da steht er nun vor dem Gefängnistor, mit einer Jeans, wie sie keiner mehr trägt, und einem Fernseher, wie ihn keiner mehr hat.

Und schaut in eine komplett fremde Welt. Ein neues Jahrtausend. Eine neue Währung. Eine neue Stadt, ohne Mauer und doppelt so groß. Und ein neues Land. „Berlin is in Germany“ ist quasi das wahre „Good Bye, Lenin!“: Stell dir vor, du wachst auf, und die DDR ist weg.

Dieser Martin Schulz ist ein Alien im eigenen Kosmos. Mit seinen wertlosen Ostmarkscheinen kann er nur noch Papierflieger basteln. Schon am neuen BVG-Automaten verzweifelt er. Und als er mit dem Zug in die Stadtmitte einfährt, sieht man nur eine einzige riesige Baustelle, hinter der sich die Schemen des neuen Kanzleramts abzeichnen. Eine Stadt im Umbruch.

In einem tristen Plattenbauhotel kommt er unter und fühlt sich da noch halbwegs heimisch. Seine Ex-Frau ist längst mit einem Neuen zusammen, einem Wessi natürlich. Und seinem Sohn, den er noch nie gesehen hat, darf er auch erst mal nicht sagen, dass er der Vater ist. Aber in seinem Schulheft darf er schon mal blättern. „Berlin is in Germany“ steht da drin. Kein Zufall, dass wir den Filmtitel in einer fremden Sprache lesen. Das zeigt Rückversicherung und Entfremdung zugleich.

Warum muss ausgerechnet ein Schwabe diesen Film machen?

All die kleinen Alltäglichkeiten dieses Films gerinnen zur Metapher. Auch, dass dieser Martin Schulz, um anzukommen, einen Taxiführerschein machen will. Dass er also all die neuen Straßennamen pauken, sich aber auch im übertragenen Sinn völlig neu orientieren muss. Wobei ihm dabei lauter Steine in den Weg gelegt werden.

Es ist nicht ohne Witz, dass dieser Film nicht von einem Berliner gedreht wurde, sondern von einem Zugereisten. „Ich habe mich schon gefragt“, so der Regisseur , „muss ausgerechnet ich, der Hannes Stöhr aus Schwaben – Ostschwaben zwar, aber trotzdem – diesen Film machen?“ Vielleicht ist es aber nur folgerichtig, weil man so einen ganz anderen, distanzierten Blick hat.

Es ist auch nicht ohne Witz, dass es gleich drei Ansätze zu diesem Film gabt. Stöhr, der 1995 in die Nachwendestadt zog und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studierte, hörte erstmals von einer Bekannten, die Bewährungshelferin war, von solchen „letzten Ossis“. Und wollte erst einen Dokumentarfilm darüber drehen.

Monatelang besuchte er dafür Häftlinge, merkte aber, wie schwierig es war, einem authentischen Fall mit filmischen Mitteln gerecht zu werden. Auch die Betroffenen, sagt Stöhr, hatten „eine Sehnsucht nach Fiktion, eine Sehnsucht nach einer Geschichte, die das Geschehen von der Realität abhebt und zum Märchen macht.“ Er hat dann 1998 einen Fünfzehnminüter gedreht, der schon denselben Titel trug und in dem schon alles drin war: der Fernseher, die Zugfahrt, das Plattenbauhotel.

Odyssee im Goldenen Westen

Daraus hat er dann auch seinen abendfüllenden Abschlussfilm entwickelt. Der umschifft, als wäre Stöhr kein Debütant, sondern längst ein Routinier gewesen, alle Klischees und Larmoyanz.

Erzählt diese Odyssee im goldenen Westen nicht als wehmütige Ossigeschichte, sondern mit trockenem Humor, ja teils Sarkasmus. Was Kameramann Florian Hoffmeister in offene, ungeschönte Bilder goss. Eine exakt beobachtete Milieustudie.

Mit einem kongenialen Hauptdarsteller: Jörg Schüttauf war 15 Jahre zuvor mit „Ete und Ali“ zum Star der späten Defa geworden und spielte diesen Gestrandeten zwischen Wärme und Wehmut, Lakonie und Lebensfreude. Er konnte all das einbringen, was Stöhr nur vom Hörensagen kannte: eine doppelte, gebrochene Biografie. Und sollte damit auch bundesweit zum Star werden.

Neuer Reiz beim zweiten Gucken

Es ist ein doppelter Schauer, der einen beim nochmaligen Schauen des Films überkommt. Beim ersten Mal faszinierte vor allem die absurde Idee, dass da jemand die Wende verpasst hat und nun mitten in den Aufbruch stolpert, den man als Berliner für ganz normal hielt.

Aber 15 Jahre später macht auch der Zuschauer einen Zeitsprung. Die Großbaustelle ist längst Geschichte. Und man guckt fast ebenso erstaunt wie dieser Martin Schulz: Guck mal, so sah die Stadt damals aus.

Zoo Palast, 2. Februar, 20 Uhr, zu Gastg: Hannes Stöhr.

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