Klassik-Kritik

Ein bisschen Wildfang, ein bisschen Idylle

Pianist Rudolf Buchbinder gastiert in der Philharmonie

Im kommenden Dezember wird Rudolf Buchbinder 70 Jahre alt, und schon jetzt unternimmt der Pianist mit der Dresdner Staatskapelle eine Geburtstagstournee durch Österreich und Deutschland. Als eitel gilt der Wiener eigentlich gar nicht, eher als kompetent, bodenständig, fleißig. Er pflegt in seinem Klavierstil keinerlei Manierismen, und seine Karriere weist keine Brüche auf. Buchbinder hat sich anscheinend mühelos vom Wunderkind Rudi zum weltweit gefragten Klavierstar entwickelt. Außer in Grönland hat er überall schon gespielt. Sein Repertoire reicht von Bach bis zu den Zeitgenossen, der Schwerpunkt liegt aber doch immer wieder auf der Wiener Klassik.

Die beiden Mozart-Konzerte KV 466 und KV 467 hat er aufs Programm gesetzt. Mozart hat sie beide in seinen fröhlichen ersten Wiener Jahren als freier Künstler komponiert. Die langsamen Sätze beider Konzerte gehören zu den größten Ohrwürmern der Musikgeschichte. Im Charakter sind sie aber doch sehr unterschiedlich, und das arbeitet Buchbinder sehr eindrucksvoll heraus: hier der dramatische Wildfang, dort das sonnige Idyll. Die stilvollen Kadenzen stammen von ihm selbst. Wenn es keine Kadenzen vom Komponisten gibt, lässt Buchbinder immer seine eigene Fantasie spielen, manchmal – je nach Anlass – mit eingebautem „Happy Birthday“ oder Weihnachtslied.

Mit Mozart kann man nicht kämpfen wie mit Beethoven und nicht auftrumpfen wie mit Liszt. Seine Genialität liegt in der Einfachheit, und Buchbinder hat den Mut, Mozarts Musik geschehen zu lassen – ohne viel von ihr zu wollen, ohne ihr einen eigenen Stempel aufzudrücken. Es gibt kaum ein Interview, in dem Rudolf Buchbinder nicht betont, dass er historische Partituren sammelt und wie viele Ausgaben eines Werkes er studiert, bevor er sich ans Klavier setzt.

Rudolf Buchbinder leitet das Konzert wie so oft vom Flügel aus. Es wirkt wie eine erweiterte Kammermusik. Seit drei Jahrzehnten kennt er die Sächsische Staatskapelle Dresden mit ihrem dunklen Samtklang. Im vergangenen Sommer hat er mit den Dresdnern eine Mozart-CD aufgenommen. Die Musiker hören hingebungsvoll auf ihren Solisten, sie gestalten viele schöne Momente wie den engmaschigen Dialog mit den Bläsern im Finale von KV 466. Ach ja, davor gab es noch Carl Maria von Weber in der Philharmonie. Der Komponist des „Freischütz“ hat es weder mit seinen Sinfonien noch mit seinen Klavierkonzerten ins Repertoire geschafft. Das Konzertstück f-Moll gehört noch zu seinen beliebtesten Instrumentalwerken, auch wenn die dazugehörige Geschichte vom Burgfräulein, das sehnsüchtig darauf wartet, dass der geliebte Ritter vom Schlachtfeld zurückkehrt, eher abschreckend wirkt. Schwer zu sagen, warum sich Buchbinder für das frühromantische Opus einsetzt. Als virtuoses Vorhang-auf-Stück fürs Geburtstagskonzert war es effektvoll genug.