Konzert

Frank Turner stellt neues Album im Huxleys vor

Frank Turner rockt das Huxleys bis zur Erschöpfung: Der Brite stellt sein aktuelles Album „Positive Songs for Negative People“ vor.

Frank Turner, hier bei einem Konzert in Hannover

Frank Turner, hier bei einem Konzert in Hannover

Foto: dpa/picture aliiance

Energetisch, denkt man, wenn man Frank Turner hört. Melodisch, schnörkellos, ehrlich. Einiges Abgegriffene kommt einem in den Kopf sobald der Mann aus London, der aufs renommierte Eton College ging, auf der Bühne steht. In weißem Hemd und schmaler Krawatte, dazu tätowierte Arme, perfekt verwuscheltes Haar. Links und rechts neben ihm und seiner langjährigen Liveband „The Sleeping Souls“ stehen doppelmannshohe Türme, angelehnt an das Design von Marshall-Gitarrenverstärkern. Plus- und Minuszeichen leuchten darauf.

Passend zu „Positive Songs for Negative People“, wie sein aktuelles Album heißt. Kein schlechter Titel. Aber auch: wie die Pole einer sehr großen Batterie, zwischen die Turner gespannt zu sein scheint. Er tanzt und springt, reißt die Gitarre hoch, reckt die Faust zur Hallendecke. Die guten alten Rock-Moves, Frank Turner kann sie alle. Kein Wunder: an diesem Abend im Huxleys spielt er, sagt er, sein 1817. Konzert. Hardest Working white Man in Showbiz. Ein Profi. Profi darin, seinem Publikum vom ersten Takt an zu geben, was es erwartet. Und darin, das nicht zur Routine verkommen zu lassen. Man nennt es wohl Entertainment. Das kann nicht jeder.

Radiotauglicher Folk-Punk-Rock zum Tanzen und Mitgröhlen

Ja, was Frank Turner spielt ist radiotauglicher Folk-Punk-Rock zum Tanzen und Mitgröhlen. Ein Song geht nahtlos in den nächsten über. Keine Brüche, keine Irritationen. Auch die Balladen, die er im Mittelteil der über zwei Stunden langen Show solo singt, klingen eher fett, als wäre Turner allein schon eine volle Band. Zu viel Energie, scheint es, steckt in dem Mann für wirklich leise Töne.

Neues entdeckt man bei einem Frank-Turner-Konzert also eher nicht. Das Set ist musikalisch wie aus einem Guss: eine Turner-Jukebox fast. Hits, Hits, Hits: „Long live the Queen“, „The Road“, „If Ever I Stray“, „The Next Storm“. Entsprechend füllt ein ziemlich homogenes Publikum den Saal: Boys and Girl zwischen Ende 20 und Mitte 40. Bisschen mehr Boys als Girls vielleicht. Fällt aber kaum auf. Hochgereckt sehen Arme im Clublicht erstaunlich ähnlich aus. Und das gibt es immer wieder: einen Wald aus klatschenden Armen.

Turner ermahnt alle, gefälligst nett zu einander zu sein, am besten wie blöd zu feiern und am Ende des Konzerts mindestens einen neuen Freund kennengelernt zu haben. Und falls man die Texte seiner Songs nicht auswendig kenne, solle man beim Mitsingen einfach selbst welche erfinden. Er sagt das mit jeder Menge „fucking“ zwischen den Worten, dann klingt es weniger pädagogisch.

„Jump the fuck up and down for David Bowie!“

Tatsächlich sind schon die eine Dame, der andere Herr deutlich stramm bevor Turner überhaupt zu spielen angefangen hat. Er liefert das Rundum-Wohlfühl-Paket. Da ist Verlass drauf, da kann man auch schon mal vorher ein paar Piccolöchen kippen und sich die irgendwie epochale Trauer um David Bowie aus den Knochen hüpfen. Turner ruft: „Jump the fuck up and down for David Bowie!“ und spielt „Polaroid Picture“, einen Aufruf zur Eigentlichkeit: „Let go of the little distractions / Hold close to the ones that you love / Because we won’t all be here this time next year“.

Wenn aber, da wir schon bei großen Namen sind, Frank Turner immer wieder mit Bruce Springsteen vergleichen wird, muss man sagen: Jein. Die rockende Seite des Boss, der Überschwang der stundenlangen Gigs an der Grenze körperlicher Möglichkeiten, hat Turner auch im Programm. Was ihm fehlt, und was diesen Breitwand-Appeal erst glaubhaft macht, ist das Verzweifelte, das es bei Springsteen immer als Gegenstück gibt. Man höre nur mal wieder „State Trooper“ auf „Nebraska“ neben dem fantastisch albernen „Sherry Darling“ von „The River“.

Irgendwie ist Frank Turner bei aller Ur-Sympathie, allem Schwung und Spaß und tollen Refrains, einen Tick – nur einen kleinen – zu sehr darauf bedacht, dass alle mit gutem Gefühl nach Hause gehen: „Come on now, let’s fix this mess / We could get better / Because we’re not dead yet“. Sicher, stimmt so. Und doch: Es fehlt das Dunkle, vor dem die Farben heller leuchten. Nach über zwei Stunden Rock’n’Roll ist das Publikum dann auch, kommt es einem vor, ein wenig erschöpft. „Gar gekocht“, schießt einem durch den Kopf.