Theater

So kennt man ihn von der Bühne nicht

„Vor Sonnenuntergang“ im Schlosspark Theater

Der Alte hat sich seinen weinroten Smoking angezogen und alle Weggefährten und die Familie in sein Haus geladen. 80. Geburtstag und Verleihung der Ehrenbürgerwürde, das muss gefeiert werden. Von seiner frisch entflammten Liebe zu einem Mädchen, das altermäßig locker seine Enkelin sein könnte, weiß die Festgesellschaft bislang noch nichts. Wundern tun sie sich schon, denn Matthias Clausen hatte sich nach dem Tod seiner Frau aus dem öffentlichen Leben fast ganz zurückgezogen. Jetzt ist er wieder da, der Großverleger, Patriarch, Familienvorstand. Dieter Hallervorden, selbst im vergangenen September 80 geworden, hat in Gerhart Hauptmanns Familiendrama „Vor Sonnenuntergang“ die Hauptrolle übernommen.

Für das Schlosspark Theater, in dem sonst die leichten Stoffe den Spielplan dominieren, ist Hauptmanns Spätwerk, das 1932 im Deutschen Theater uraufgeführt wurde, ungewöhnlich tragische Kost. Hallervorden hatte schon länger angekündigt, dass er in dem Haus, das er 2009 übernahm, vermehrt klassische Stücke zeigen wolle. Vor einem guten Jahr war das Molières „Der Bürger als Edelmann“, klassisch ist das, aber eben immer noch Komödie. Mit Hallervorden in pinken Strumpfhosen. Mit seiner neuen Premiere dagegen stößt er in andere Dimensionen vor. So hat man Dieter Hallervorden auf der Bühne noch nie gesehen, so kraftvoll, so eigensinnig, so tragisch und zerrüttet. Der Palim-Palim-Didi ist endgültig eingemottet.

Auf der Kinoleinwand hatte er in „Sein letztes Rennen“ und „Honig im Kopf“ seine Qualitäten als Charakterdarsteller in den letzten Jahren schon unter Beweis gestellt. Das macht er nun auch im Theater, sein Matthias Clausen knüpft direkt an diese Rollen an. Das ist wieder so ein alterstrotziger Dickschädel mit einem Rest von Kindsköpfigkeit. Doch der hat keinen Honig im Kopf, der hat Inken im Kopf, die blutjunge Kindergärtnerin aus dem ländlichen Vorort.

Sein nuanciertes Spiel wird hier besonders greifbar

Wovon die Familie alles andere als begeistert ist. Aus Sorge um die Reputation, vor allem aber um das üppige Erbe. Denn der Herr Papa ist fest entschlossen, das Familienunternehmen zu verscheuern, das Vermögen aufzulösen und mit Inken ein neues Leben in der Schweiz zu beginnen. Doch der Nachwuchs schert sich nicht um des Vaters spätes, echtes Glück. Intrigen werden gesponnen, und als alles nichts hilft, wird dem Alten zackzack ein Entmündigungsverfahren anhängig gemacht, woran der endgültig zerbricht.

Hochdramatischer Stoff ist das, dem Shakespeares Generationskonflikt-Klassiker „König Lear“ Pate gestanden hat, aber Regisseur Thomas Schendel geht die Sache verhältnismäßig betulich an. Zwar hat er den Stoff ordentlich gekürzt und die Personenzahl fast halbiert, doch das Konfliktpotenzial fächert sich anfangs nur sehr eingeschränkt auf. Auf der von Stephan von Wedel minimal bestückten Drehbühne steht zunächst ein großbürgerliches Wohnzimmer, das die verstorbene Frau Clausen als Ölbild dominiert, später, bei Inken auf dem Land, hängt Wäsche über ein paar Apfelkisten, danach dann ein großer Esstisch im Zentrum.

An ihm spielt sich im dritten Akt die stärkste Szene des Abends ab, der große Showdown beim Familienfrühstück, der Moment, in dem Clausen seine Inken ganz offiziell seinen Kindern vorstellen will. Doch die haben längst wütend das zusätzliche Gedeck vom Tisch geräumt. Hallervordens nuanciertes Spiel wird hier besonders greifbar. Der Mann, der vorher noch zu leuchten schien, als Inken ihm verliebt auf den Schoß sprang, er scheint nun fast zu implodieren. Das markante Hallervorden-Kinn, dessen Kräuseln bislang verlässlich ein schelmisches Lachen ankündigte, es kräuselt sich unter dem Bart jetzt vor Enttäuschung und vor Wut, die aufgerissenen Augen sind nicht Vorboten einer Pointe, sondern spiegeln tiefe Verletzung, ganz kurz muss er sich an einer Stuhllehne festhalten, und diese kleine Geste des um Fassung ringenden Mannes offenbart seine ganze Erschütterung.

Matthias Clausen ist keine einfache, aber eine dankbare, eine vielschichtige Figur, und Hallervorden lässt keine seiner Facetten aus, er spielt ihn lebensstolz und bewahrt ihm selbst in der finalen geistigen Verwirrung einen letzten Funken Entschlossenheit. Immer an seiner Seite: Inken, bei Katharina Schlothauer kein naives Mädchen, sondern eine selbstbewusste Frau, der man ihre Liebe zu dem alten Mann unbedingt abnimmt. Eine warme Note setzt in dem Spiel Achim Wolff als Clausens langjähriger Freund, den der plötzliche Johannistrieb des Freundes zwar verwundert, ihn aber nicht von der Seite weichen lässt. Alle anderen Figuren sind dagegen eher eindimensional angelegt, so die böse Schwiegertochter Paula, die überfürsorgliche Tochter Bettina, ein aasiger Anwalt, ein machthungriger Schwiegersohn.

Da hätte sich mehr rausholen lassen, wie auch aus dem eigentlich recht dramatischen Schluss des Stückes. Hier wirkt er hastig hingestolpert. Hallervordens Leistung an diesem Abend schmälert das nicht. Es sei dieser Matthias Clausen, so hatte er im Vorfeld gesagt, „die größte Herausforderung meiner Bühnenlaufbahn“, und die er, wie man heute weiß, gemeistert hat.

Montag und 02.02. bis 07.02., jeweils 20 Uhr, Schlosspark Theater, Schloßstr. 48. Kartentel: 789 56 67 100