Klassik-Kritik

Friedrich Cerha: Ideal für ein nächtliches Konzert

„Late Night“-Konzert des Scharoun Ensembles

Als Nachtisch zum Hauptmenu kann man es genießen: Mit dem ersten "Late Night"-Konzert der Saison präsentiert das Scharoun Ensemble der Berliner Philharmoniker ein dämmriges, ja zwielichtig schimmerndes Programm, welches gerade deshalb die Sinne erfrischt nach all der romantischen Kost des philharmonischen Hauptkonzerts unter Leitung von Christian Thielemann. Der von Dirigent und Komponist Matthias Pintscher dargebotene Nachtisch bietet eine doppelte Hommage in der Philharmonie: Sowohl der ungarische Komponist György Kurtág als auch der österreichische Komponist Friedrich Cerha feiern in diesem Februar den 90. Geburtstag.

Zwischen Entzücken und Verzweiflung schwankt Kurtágs Liederzyklus "Botschaften der verstorbenen R.W. Trussowa" nach Gedichten des in Ungarn ansässigen russischen Schriftstellers Rimma Dalos. Das düstere, aus feingesponnenen Texturen erarbeitete Werk festigte Kurtágs internationalen Ruf nach der Premiere 1981 in Paris. Als die fiktionale Protagonistin von einer Liebesaffäre erzählt, schöpft das Kammerensemble eine expressionistische Farbenpalette, deren konzentrierter Umgang im Klangbild sich aber noch stark an Anton Webern orientiert.

Auf atemberaubende Weise schafft das Cimbalom, ein in Osteuropa verbreitetes, mit Klöppeln geschlagenes Saiteninstrument, einen Resonanzboden für das zweite Gedicht "Der Tag fiel". Sopranistin Claudia Barainsky beherrscht die Lyrik mit einem reifen Timbre, welches bei den schaudernden Texturen meisterhaft kalibriert ist. Im Poem "Warum sollte ich nicht wie ein Schwein quieken" ist sie durch weitspringende Melodien technisch souverän und zugleich voller Dramatik. Kurtágs extreme Ausdrucksskala lässt sich auch im "Kammerensemble für 13 Instrumentalisten" seines vor einem Jahrzehnt verstorbenen Landsmannes György Ligeti wiedererkennen. Ligetis Stück verbreitet eine gespenstige Atmosphäre. Nach den sich durchschlängelnden Melodien der ersten Sätze entsteht im dritten Satz, dem Friedrich Cerha gewidmeten "Movimento preciso e meccanico", eine vibrierende Klangfläche mit mechanisch anmutenden Tonrepetitionen.

Die "Late Night" ist mit Cerhas Ensemblewerk "Bruchstück, geträumt" eröffnet worden. Es ist eine Untersuchung der Stille, in welcher beim Zuhörer das Gefühl wachgerufen wird, sich in einem halbdunklen, menschenleeren Wald, ja einer weiten Landschaft des Unbewusstseins zu befinden. Die Streicher des Scharoun Ensembles flüstern in raffinierter Transparenz, bevor dann der Wind zu pfeifen beginnt. "Es ist fast so wie im Traum", sagte Cerha dazu, "in dem man versucht, sich vorwärts zu bewegen, aber nicht von der Stelle kommt." Einem Alptraum also schenkte Cerha seine bildhafte, unmittelbare Tonkunst. In seiner Düsternis ist es ein ideales Stück für ein nächtliches Konzert.

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