Kultur

Die Einsamkeit hinter dem Rampenlicht

Eine neue Film-Doku zeichnet ein tragisches Bild der texanischen Sängerin Janis Joplin

Sie hat auf der Bühne all das erfahren, was ihr im wahren Leben versagt blieb. Zuneigung, Liebe, Anerkennung. Mit ihrer rauen, vor Emotion vibrierenden, am Folkblues geschulten Stimme hat die Rocksängerin Janis Joplin den Sound der 60er-Hippie-Jahre geprägt mit Hits wie „Cry, Baby“, „Piece Of My Heart“ oder „Ball And Chain“. Und ihrem größten, erst nach ihrem zu frühen Tod 1970 erschienenen Erfolg „Me & Bobby McGee“.

In der Dokumentation „Janis: Little Girl Blue“ zeichnet die amerikanische Filmemacherin Amy J. Berg nun ein sensibles Porträt der im texanischen, bieder-bürgerlichen Port Arthur zur Welt gekommenen Sängerin, die später in San Francisco die Rockwelt aus den Angeln heben sollte. Berg hat dafür bislang unveröffentlichtes Filmmaterial aufgetrieben. Sie hat mit Geschwistern, Freunden, Musikern und Weggefährten gesprochen. Sie hat legendäre Konzertaufnahmen eingefügt und Mitschnitte von Studiosessions, die „Monterey Pop“-Regisseur D. A. Pennebaker gedreht hatte. Ja selbst von Janis Joplins Besuch beim 10. Klassentreffen ihrer einstigen High School hat Berg Filmmaterial ausgegraben.

Sie war schon in der Schuleimmer die Außenseiterin

All das hat die Regisseurin in jahrelanger Fleißarbeit zusammengefügt zu einer gut gemeinten, nahezu zwei Stunden langen Hommage, die mit chronologischer Akribie und dramaturgisch etwas behäbig daherkommt. Sie zeigt ein von Kind an unangepasstes Mädchen, das schon in der Schule zur Außenseiterin wurde. Eine Janis, die attraktiv sein wollte, die einfach dazu gehören wollte, aber doch immer die Aufmüpfige, die Unangepasste, die Einzelgängerin blieb.

Mit 17 ging sie fort von zu Hause, verdingte sich als Folksängerin mit Gitarre oder Autoharp in den Klubs von Austin. Sie sang mit Gruppen wie den Waller Creek Boys, bis es sie 1963 nach San Francisco zog. Hier traf sie auf Big Brother & The Holding Company, wurde Sängerin der Band, hatte 1967 schließlich ihren großen Durchbruch beim Monterey Pop Festival. War ein Star in Woodstock. Janis Joplin war die erste wahre Rocksängerin, die sich in einem von Männern dominierten Musikgeschäft behaupten konnte.

Doch der Preis war hoch. Amy Berg geht es nicht um das Nachzeichnen einer Karriere, sondern um den Menschen dahinter, um die Einsamkeit hinter dem Rampenlicht. Sie zeigt eine zerbrechliche, am Leben leidende, junge Frau, die nur auf der Bühne ihre Erfüllung finden konnte und all ihren Schmerz in ihre bluesigen Songs legte.

Ein Zeitzeuge sagt einmal: „Wenn die Show vorüber ist, wenn das Publikum die Halle verlassen hat, bist du wieder ganz allein mit dir.“ Janis Joplin suchte Halt in nie lange währenden Liebschaften zu Männern und Frauen, in exzessivem Southern-Comfort-Konsum, in Drogen bis zum Heroin. Sie gehört zu jenem tragischen 27er-Klub von Musikern, die alle im Alter von 27 Jahren gestorben sind, wie Jim Morrison, wie Curt Cobain, wie zuletzt Amy Winehouse. Musiker, die am steilen Erfolg und am schnellen Leben zerbrochen sind. Im Fall Janis Joplin war das besonders tragisch. Sie war mitten in den Aufnahmen für ihr großartiges, postum veröffentlichtes Album „Pearl“. Sie war, so erinnern sich Kollegen, seit einem halben Jahr clean, als sie eines Tages nicht im Studio erschienen war. Im Motelzimmer hatte sie sich Heroin gespritzt. Überdosis.

Amy Berg lässt in ihrem Film auch Janis Joplin selbst zu Wort kommen. Chan Marshall, besser bekannt als Musikerin Cat Power, liest aus den Briefen, die Janis Joplin an Eltern und Freunde geschrieben hatte. Bewegende Zeilen, mit denen sich Joplin auch immer wieder selbst Mut zu machen versuchte. Sie litt daran, dass ihre Eltern ihren unkonventionellen Lebensstil nie akzeptiert hatten. Sie zerbrach daran, auf der Bühne die Liebe von 25.000 Menschen zu spüren und danach doch allein nach Hause zu gehen.