Kultur

ARD-Doku über geliebte Menschen, die Mörder waren

Zu den vielen Hinterlassenschaften des NS-Regimes gehört eine Art private Erinnerungsarchäologie. Was die eigenen Eltern und Großeltern unter Hitler taten, wie sie sich verhielten zu Vernichtungskrieg und Antisemitismus, ob sie an vorderster Front dabei waren, mitliefen, sich in die innere Emigration zurückzogen oder Widerstand leisteten: Das sind die Fragen, die das Leben der folgenden Generationen begleiten. Der Film von Tom Ocker leistet einen Beitrag dazu. Er porträtiert vier Menschen, die in der Zeit der Diktatur Tagebuch schrieben und damit direkt aus dem alltäglichen Leben heraus Zeugnis ablegten über ihre Hoffnungen und Ängste. Und er befragt Kinder und Enkel, wie sie ihre Vorfahren im Licht der Gegenwart sehen. Dabei leistet er zweierlei: Er macht die Vielfalt der Lebensentwürfe unter Hitler deutlich. Und er berichtet vom Erbe, das sie hinterließen.

Ein Beispiel dafür ist Teja-Udo Landau, der 1944 geboren wurde und erst spät erfuhr, wofür sein Vater in der NS-Zeit verantwortlich war. Felix Landau war 1941 an Erschießungen von Juden in der heutigen Ukraine beteiligt. Er führte im damals polnischen Drohobycz ein Regiment des Schreckens. In seinem Tagebuch verlor er sich in schwärmerischen Aufzeichnungen, hörte dabei wohl auch ergriffen Musik, um Minuten später die Zwangsarbeiter vor seiner Villa zu Tode zu prügeln. „Es hat eine Weile gedauert, dass ich mit mir ins Reine gekommen bin und mir gesagt hab, okay, du bist wohl der Sohn deines Vaters, aber das heißt noch lange nicht, dass du so sein musst wie er“, sagt sein Sohn jetzt, der für diesen Film zum ersten Mal ein längeres Interview gegeben hat.

Tom Ockers Film kombiniert das sparsam und überzeugend mit semidokumentarischen Spielszenen. Er reist in die Grauzonen der Moral, die sich auch dann auftun, wenn man geliebte Menschen im Rückblick politisch verurteilen muss.

Vater, Mutter, Hitler. ARD, Montag,
23.30 Uhr