Theater

Der Palim-Palim-Didi ist endgültig eingemottet

Kraftvoll, eigensinnig, tragisch und zerrüttet: Dieter Hallervorden zeigt in dem Drama „Vor Sonnenuntergang“ die Palette seines Könnens.

Er hat sich verliebt, die Mutter der Angebeteten billigt das nicht: Matthias Clausen (Dieter Hallervorden) und Frau Peters (Franziska Troegner)

Er hat sich verliebt, die Mutter der Angebeteten billigt das nicht: Matthias Clausen (Dieter Hallervorden) und Frau Peters (Franziska Troegner)

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance / dpa

Der Alte hat sich seinen weinroten Smoking angezogen und alle Weggefährten und die Familie in sein Haus geladen zu einer Riesensause. 80. Geburtstag und Verleihung der Ehrenbürgerwürde, das muss gefeiert werden. Von seiner frisch entflammten Liebe zu einem Mädchen, das altermäßig locker seine Enkelin sein könnte, weiß die Festgesellschaft bislang noch nichts. Wundern tun sie sich schon, denn Matthias Clausen hatte sich nach dem Tod seiner Frau aus dem öffentlichen Leben fast ganz zurück gezogen. Jetzt ist er wieder da, der Großverleger, Patriarch, Familienvorstand. „Er ist dem Dasein wieder gegeben“, kommentiert Tochter Bettina staunend. Sie singen für ihn, da oben auf der Bühne. Und sie applaudieren ihm von unten aus dem Parkett des Schlosspark Theater, als er stolz und aufrecht aus dem Kreis seiner Gäste hervortritt. Hausherr Dieter Hallervorden, selbst im vergangenen September 80 geworden, hat die Hauptrolle übernommen in Gerhart Hauptmanns Familiendrama „Vor Sonnenuntergang“.

Eine ganz neue Dimension

Für das Steglitzer Theater, in dem sonst eher die leichten Stoffe den Spielplan dominieren, ist Hauptmanns Spätwerk, das erst 1932 im Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt wurde, ungewöhnlich tragische Kost. Hallervorden hatte schon länger angekündigt, dass er in dem Haus, das er 2009 übernahm und auf eigene Kosten in Schuss brachte, vermehrt klassische Stücke zeigen wolle. Vor einem guten Jahr war das zum Beispiel Molières „Der Bürger als Edelmann“, klassisch ist das, aber eben immer noch Komödie. Mit Hallervorden in pinken Strumpfhosen. Mit seiner neuesten Premiere dagegen stößt er in ganz andere Dimensionen vor. So hat man Dieter Hallervorden auf der Bühne noch nie gesehen, so kraftvoll, so eigensinnig, so tragisch und zerrüttet. Der Palim-Palim-Didi ist endgültig eingemottet.

Auf der Kinoleinwand hatte er in „Sein letztes Rennen“ und „Honig im Kopf“ seine Qualitäten als hochkarätiger Charakterdarsteller in den letzten Jahren schon unter Beweis gestellt. Das macht er nun auch im Theater, sein Matthias Clausen knüpft direkt an diese Rollen an. Das ist wieder so ein alterstrotziger Dickschädel mit einem Rest von Kindsköpfigkeit. Doch der hat keinen Honig im Kopf, der hat Inken im Kopf, die blutjunge Kindergärtnerin aus dem ländlichen Vorort.

Hochdramatischer Stoff ist das

Wovon die Familie alles andere als begeistert ist. Aus Sorge um die Reputation, vor allem aber um das üppige Erbe. Denn der Herr Papa ist fest entschlossen, das Familienunternehmen zu verscheuern, das Vermögen aufzulösen und mit Inken ein neues Leben in der Schweiz zu beginnen. Das aber lässt sich der Nachwuchs nicht gefallen, er schert sich nicht um des Vaters spätes, echtes Glück, sondern allein um den eigenen Lebensstandard. Intrigen werden gesponnen und als alles nichts hilft wird dem Alten zackzack ein Entmündigungsverfahren anhängig gemacht, woran der endgültig zerbricht.

Hochdramatischer Stoff ist das, dem Shakespeares Generationskonflikt-Klassiker „König Lear“ Pate gestanden hat, aber Regisseur Thomas Schendel geht die Sache verhältnismäßig betulich an. Zwar hat er den Stoff ordentlich gekürzt und die Personenzahl fast halbiert, doch das Konfliktpotenzial fächert sich anfangs nur sehr eingeschränkt auf. Auf der von Stephan von Wedel minimal bestückten Drehbühne steht zunächst ein großbürgerliches Wohnzimmer, das die verstorbene Frau Clausen als Ölbild dominiert, später, bei Inken auf dem Land, hängt Wäsche über ein paar Apfelkisten, danach dann ein großer Esstisch im Zentrum.

Hallervordens nuanciertes Spiel wird hier besonders greifbar

An ihm spielt sich im dritten Akt die stärkste Szene des Abends ab, der große Showdown beim Familienfrühstück, der Moment, in dem Clausen seine Inken ganz offiziell seinen Kindern vorstellen will. Doch die haben längst wütend das zusätzliche Gedeck vom Tisch geräumt. Hallervordens nuanciertes Spiel, hier wird es besonders greifbar. Der Mann, der vorher noch innerlich zu leuchten schien, als Inken ihm verliebt auf den Schoß sprang, er scheint nun fast zu implodieren. Das markante Hallervorden-Kinn, dessen Kräuseln bislang verlässlich ein schelmisches Lachen ankündigte, es kräuselt sich unter dem Bart jetzt vor Enttäuschung und vor Wut, die aufgerissenen Augen sind nicht die Vorboten einer Pointe, sondern spiegeln tiefe Verletzung, ganz kurz muss er sich an einer Stuhllehne festhalten und diese kleine Geste des äußerlich um Fassung ringenden Mannes, sie offenbart seine ganze Erschütterung.

Das Ende wirkt er ein wenig hastig hin gestolpert

Matthias Clausen ist keine einfache, aber eine dankbare, eine vielschichtige Figur und Hallervorden lässt keine seiner Facetten aus, er spielt ihn lebensstolz, wo es nötig und ironisch, wo es möglich ist und bewahrt ihm selbst in der finalen geistigen Verwirrung noch einen letzten Funken Entschlossenheit und Würde. Immer an seiner Seite: Inken, bei Katharina Schlothauer keineswegs ein naives Mädchen, sondern eine frische, selbstbewusste Frau, der man ihre Liebe zu dem alten Mann unbedingt abnimmt. Eine schöne, warme Note setzt in dem Spiel noch Achim Wolff als Clausens langjähriger Freund Geiger, den der plötzliche Johannistrieb des Freundes zwar durchaus verwundert, der ihm aber emotional dennoch nicht von der Seite weicht. Alle anderen Figuren sind dagegen eher eindimensional angelegt, da ist etwa die böse Schwiegertochter Paula, die überfürsorgliche und immer noch an Papas Rockzipfel klammernde Tochter Bettina, ein aasiger Anwalt, ein machthungriger Schwiegersohn und so weiter.

Da hätte sich mehr rausholen lassen wie auch aus dem eigentlich recht dramatischen Schluss des Stückes. Hier wirkt er ein wenig hastig hin gestolpert. Hallervordens Leistung an diesem Abend schmälert das nicht. Es sei dieser Matthias Clausen, so hatte er im Vorfeld gesagt, „die größte Herausforderung meiner Bühnenlaufbahn“ und die er, wie man heute weiß, gemeistert hat.

Wieder Montag und 02.02. bis 07.02., jeweils 20 Uhr, Schlosspark Theater, Schloßstr. 48. Kartentel: 789 56 67 100