Show

Apassionata: Pferde mit kuscheligem Fell und treuen Augen

Sind die nicht süß? Die Pferdekunststück-Revue Apassionata in der Mercedes-Arena träumt den Mädchentraum aller Altersklassen

Es ist wirklich verrückt, was es nicht alles gibt. Apassionata, das ist ein Show, bei der man den Traum einer ungefähr Neunjährigen träumen darf. Und das mitten in der Mercedes-Benz-Arena. Man sieht diese Träumende nicht. Man erfährt diesen Hintergrund auch nicht, aber es ist ziemlich sicher, diese ganze Show, die ist einfach das, was passiert, während eine Neunjährige beim Hausaufgaben machen einschläft. Bei Mathe wahrscheinlich. Ihrem Erzfeind.

Denn Logik - sie ist da ganz Gender-Stereotyp -, die mag sie nicht so. Was sie aber mag - klar, sie wächst in einer Großstadt auf -, das sind niedliche Tiere. Ponys vor allem. Kleine Pferde mit dickem, kuscheligen Fell und treuen Augen, die tapfer durch eine satt neongrüne Natur traben. Nicht gezäumt, aber gezähmt, laufen sie frei und fröhlich im Kreis - aber halt -, da sind noch zwei wunderschöne Frauen dabei. Prinzessinnen? Nein, den Gedanken träumt sie beiseite, dafür ist sie jetzt zu alt, lieber bemüht sie Blumenmaiden, also Frauen in weißen Rauschekleidern mit bunten Blüten auf lang wallendem Blondhaar. Chimären aus Lana Del Rey und Hanni und Nanni, sie spielen mit den Pferden das schöne Spiel: Welche Mähne weht wohin? Und lachen und freuen sich.

Natürlich haben die Titelfiguren englische Namen

Die Apassionata ist ein Pferdezirkus, der seit 2002 durch Europa reist. Von Neubrandenburg nach Malmö. Von Wien nach Dortmund. Er zeigt Pferdekunstückchen in bunten Lichtern, dazu Akrobatik und Tanz. Zusammen sollen all seine Episoden eine Geschichte erzählen. Dieses Jahr, die Geschichte von Amy und Tracy. Natürlich haben die Titelfiguren englische Namen, denn junge Mädchen sind doch von allem fasziniert, was aus dem fernen Amerika kommt. Am liebsten würde sie doch auch selbst Amy heißen oder Miley oder Candy, aber egal, man darf nicht abschweifen, sonst springen die Showponys nicht über die Hindernisse, sondern laufen keck darunter durch.

Man kann ihnen aber nicht böse sein, denn schon machen sie einen Knicks oder steigen per Handkommando auf zwei Hufe. Freiheitsdressur heißt das. Die Gäste hier wissen das. Wahrscheinlich, weil sie selber reiten oder die „Wendy“ lesen. Egal, jedenfalls finden sie es süß, super, super süß, wenn Pferde sich in etwa genauso gebärden wie kleine Hunde. Auf Zuruf kommen, Männchen machen, rückwärts laufen, Hüfchen geben und im Kreis drehen.

Werden ihr süße Pferde eines Tages egal sein?

Vor überdimensionalen Blumenprachten im Backdrop plätschert dazu Gema-freie Scoremusik. Es ist ein herrlicher Traum, aber - Schatten ziehen auf - denn die Pubertät naht. Die väterliche Erzählerstimme von den Märchenkassetten verkündet: „Die Spiegelherrin ist erwachst. Und kaum ist sie erwacht, fragst du dich, wer du bist und wer du sein wirst.“ Die Musik grollt ein wenig, es wird dunkel in der Halle und der Backdrop, er wird zum kalten Spiegel. Bald schon ist es vorbei mit der Bienchen summenden Unschuld. Das Unbewusste der Neunjährigen, es fürchtet die Veränderungen. Werden ihr süße Pferde eines Tages egal sein? Das Apassionata-Publikum birgt Frau alles Altersklassen. Sei also unbesorgt, möchte man der Träumenden zurufen, aber da geht die Geschichte auch schon weiter.

Tracy bleibt zurück, Amy aber, die läuft vor, in den Spiegel. Und da passiert Ungeheuerliches. Dunkle Reiter, Männer, fechten auf großen, stattlichen Pferden mit sehr langen leuchtenden Stäben. Was sind es? Garrochen? Nein, zu reitsportlich. Lichtschwerter? Nein, nein, das hier ist doch ein Mädchentraum, ein total durchgenderisierter Mädchentraum, der jedes Jahr von mehreren Hunderttausenden erwachsenen Frauen angeguckt wird. Es sind also - na, was wohl? - Zauberstäbe. Okay? Okay. Das Publikum klatscht und auch das ist okay.

Sie haben sich verändert, sagt die Erzählerstimme

Tracy, so geht die Handlung der Pferdekunststück-Revue, will ihre Schwester retten und begibt sich auf die Suche. Diese führt vorbei an einem Esel (echt), einem Drachen (nicht echt) und einer Samba-Szene bei der Bananen von der Decke hängen, während Tänzerinnen im Baströckchen umherwackeln und ein beaffenkostümierter Mensch die Karl-May-Festspiele nachspielt. Friesen reiten auf. Und Lipizzaner. Und schwere Shire-Horses. Eine Westernreiterin galoppiert mit einem Bogen auf dem Rücken in die Halle, und führt vor was sie kann: Spin, Sliding Stop und Sprint. Edle spanische Hengste zeigen, was spanischer Schritt ist und das Publikum, das klatscht und ist verzaubert, besonders eben dann, wenn ein Pferd völlig allein, zügellos, in die Halle rennt und Kreise läuft.

In einer halbstündigen Pause kauft man an der Tränke dann noch einen Pferde bedruckten Becher und lässt sich von einem Bauchladen ein Plüschpony für seine eigenen Träume andrehen. Man setzt es sich auf den Schoß, streichelt sachte seinen Schwanz und ist dann irgendwann sehr froh, als Tracy und Amy sich endlich wieder finden. Sie haben sich verändert, sagt die Erzählerstimme. Denn sie haben viel erlebt. Der Traum ist aus, das Wort „Ende“ leuchtet güldenen am Backdrop-Himmel auf. Man trabt nach Hause. Man wundert sich. Nicht einmal hat man ein Pferd wiehern hören.