Kino

"The big short" - Die netten Zocker der Finanzkrise

| Lesedauer: 6 Minuten
Matthias Wulff

Foto: Photo credit: Jaap Buitendijk / Paramount

Crashkurs: "The big short" erklärt die Immobilienkrise temporeich und mit großem Staraufgebot.

Mit seinen drei Kollegen fährt Mark Baum durch eine Wohnanlage in Florida. Die Häuser sind sauber und wirken geräumig, die Rasen sind gepflegt. Was fehlt, sind die Menschen. Vor den Häusern stehen die „Zu-verkaufen“-Schilder. „Hier sieht es aus wie in Tschernobyl“, sagt einer der Männer. Später trifft Mark Baum (Steve Carell) zwei Kreditmakler, die die Finanzierung des Hauskaufes an Menschen vermitteln, die ihre Kredite nicht im Leben zurückzahlen können

Am liebsten machten sie Geschäfte mit Immigranten, erzählen sie von sich begeistert, weil die nicht so viele blöde Fragen stellen und mit „Ninjas“ (no income, no job), die dankbar für das Haus seien. Den Tag beendet Mark Baum in der Suite einer Striptease-Tänzerin, die vor ihm die Hüften schwingt, während er sie nach ihren Eigentümern ausfragt. Als er nach New York zurückkommt, weiß er, dass sie fünf Häuser besitzt und der amerikanische Immobilienmarkt zum Scheitern verdammt ist.

Der Titel „The big short“ übernimmt den Börsenjargon, „short gehen“ bedeutet auf fallende Kurse setzen. Der Film basiert auf dem Bestseller des Journalisten Michael Lewis, der den Zusammenbruch des Hypothekenmarktes aus einer ungewöhnlichen Perspektive nacherzählt hat – aus der Sicht der Gewinner. Auch solche Leute gab es. Sie waren nicht viele, und sie mussten ein paar Jahre damit leben, dass sie alle Welt als Spinner verspottete. Aber dann kam 2007, das Jahr, in dem die Finanzkrise begann.

Der Film beginnt mit einem Mark-Twain-Zitat: „Nicht das, was wir wissen, bringt uns zu Fall, sondern das, was wir fälschlicherweise zu wissen glauben.“ Für Michael Burry gibt es kein „wir“, er ist keiner, der das Urteil der Masse eine Bedeutung beimisst. Er ist Hedge-Funds-Manager, ein mathematisches Genie, kein sonderlich konformer Typ, mit einer Schwäche für Death Metal: Er habe ein Glasauge, sei sozial unbeholfen und habe durch die Studiengebühren hohe Schulden, so stellte er sich einer Frau vor. Sie antwortete, dass sie genau so etwas gesucht habe und sie heiraten. Christian Bale spielt diesen leicht autistischen Michael Burry herzergreifend. Seine Ansichten, sein Auftritt werden in der Finanzwelt belächelt, und ihm entgleiten die Worte, wenn er sich erklären möchte, ihm fehlt die Mimik, um seine Gefühle auszudrücken.

Hedgefonds-Manager sind in diesem Film die Helden

Wahrscheinlich bedarf es eines Außenseiters, der erkennt, wenn etwas grundsätzlich schief läuft: Wie zum Beispiel am Markt für Hypothekendarlehen. Hier wurden Häuserkredite gebündelt angeboten, also Kredite mit exzellenter und erbärmlicher Qualität wurden zusammengetan, und man konnte sie guten Gewissens kaufen, waren sie doch versehen mit der besten Bonität durch die Ratingagenturen. Hier kommt der Haken: Sie war deutlich schlechter als angegeben.

Das kann man natürlich besser erklären, zum Beispiel durch den Einsatz einer nackten Blondine (Margot Robbie). Sie definiert den Subprime-Markt, während sie Champagner in einer Badewanne trinkt und dem Kinopublikum ins Auge schaut: „Wenn Sie Subprime hören, denken Sie ,Dreck‘.“

Ein paar Menschen in der Finanzwelt bekommen mit, dass Michael Burry eine Milliarden-Dollar-Wette auf den Zusammenbruch platziert. Mark Baum ist einer davon, der mit dem leicht zwielichtigen, wenngleich ultracoolen Deutsche-Bank-Händler Jared Vennett (Ryan Gosling) ins Geschäft kommt. Zu den Gewinnern zählen auch Jamie Shipley (Finn Wittrock) und Charlie Geller (John Magaro), die allerdings wie die „accidental tourists“ durch das Bild laufen. Sie sind zwei Jungs, die sich eher zufällig an den Tisch mit den großen Beträgen wiederfinden. Dass sie ihn reicher, als sie je erträumten, wieder verlassen, verdanken sie auch Brad Pitt, der einen Banker spielt, der sich mit Abscheu vom Finanzsystem verabschiedet hatte, aber nun ein letztes Mal mitzockt.

Der Film ist getrieben von einer nervösen Hektik

Regisseur Adam McKay hat sich für seinen Film viel vorgenommen. Er will ein großes Publikum gewinnen, das sich selten für Feinheiten des Immobiliengeschäftes interessiert. Der Film soll kurzweilig und spannungsgeladen sein und durch seiner Doku-Anmutung realistisch. Er muss ein Imageproblem lösen, stellt er doch Hedgefonds-Manager als Helden dar, die ansonsten ungefähr so populär wie Kinderschänder sind. Und er möchte erklären, wie es zu der Immobilienkrise kommen konnte, die zu einer Rezession führte und das Ende von Wall-Street-Legenden wie Bear-Stearns und Merrill Lynch bedeutete. Die ersten drei Punkte erfüllt er ausgezeichnet. „The big short“ ist getrieben von einer nervösen Hektik, und keine der 130 Minuten möchte man etwas anders machen, als exakt diesen Film schauen. Nur mit der Erklärung hapert es.

Skrupellose und gierige und dumme und betrügerische Banker

Und doch verlässt man das Kino mit einem zwiespältigen Gefühl, weil er es sich zu leicht macht. Die Börsen-Filme der vergangenen Jahre, „Margin Call“ und „The Wolf of Wall Street“, waren Thriller, „The big short“ hingegen will die Täter der Finanzkrise 2008 an den Pranger stellen. Es waren demnach die Banker, die skrupellos und gierig und dumm und betrügerisch waren, so hört es der Zuschauer immer wieder. Die Sicht mag populär sein, sie ist auch eingängig, weil sie einen identifizierbaren Bösewicht liefert.

Aber sie ist eben auch ein bisschen billig: Nicht der Rede wert ist es Adam McKay, dass die US-Regierung alles Erdenkliche dafür getan hatte, um „die Menschen zu ermutigen, dass sie ihr eigenes Haus besitzen“, wie es Präsident George W. Bush 2002 als Ziel formulierte. Auch die Zentralbank, die die Zinsen auf ein Allzeittief senkte und auf diese Weise den Boom am Häusermarkt anheizte, spielt in „The big short“ keine Rolle. In den USA, wo das Involvement naturgemäß höher ist als hierzulande, ist der Film entweder hochgelobt oder verrissen worden, je nachdem, wie sich der Kritiker die Krise am Immobilienmarkt erklärt. „Die Wahrheit ist wie ein Gedicht. Und die meisten Leute hassen Gedichte“, hört man an einer Stelle im Film. Vielleicht kann man sich darauf einigen.