Konzert-Kritik

Spätromantisches in besonders ruppiger Variante

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Felix Stephan

Philharmonie: Andrew Manze dirigiert Brahms und Schumann

Woran mag es liegen, dass international herausragende, allseits gefeierte Solisten ihr Instrument gegen den Taktstock eintauschen – auch wenn sie dafür noch einmal von vorn beginnen müssen, ohne Garantie eines annähernd ähnlichen Erfolges? Der englische Geiger Andrew Manze, einst als „Paganini der Barockvioline“ verehrt, gehört in diese unergründliche Künstlerkategorie. Wer ihn je mit Corellis „La Follia“ oder auch Tartinis „Teufelssonate“ gehört hat, mochte seinen Ohren kaum trauen: Es waren schiere Wunder, die der Frühvollendete Manze da aus sich herausschleuderte. Ein Geigenspiel zum Niederknien.

Und der Dirigent Andrew Manze? 2014 ist er Chef der Radiophilharmonie Hannover geworden, davor war er jahrelang als Gastdirigent tätig – nicht zuletzt auch beim Deutschen Symphonie-Orchester (DSO). An diesem Abend kehrt er nun mit Werken der Hoch- und Spätromantik in die Philharmonie zurück, dargeboten allerdings in einer besonders ruppigen Variante der barocken Aufführungspraxis. Johannes Brahms’ eher selten zu hörende „Tragische Ouvertüre“ op. 81 faucht und drängt unerbittlich voran. Manzes Bewegungen wirken hektisch, aber nicht kopflos. Das DSO bietet eine Musik, die niemals zur Ruhe kommt und selbst in den leisesten Momenten etwas Lauerndes besitzt.

Auch Franz Liszts nicht oft im Konzertsaal anzutreffendes zweites Klavierkonzert ist unter Manze kaum wiederzuerkennen. Der Engländer entzieht ihm alles Sinnliche, alles Verführerische. Ein Liszt, der eher nach Totentanz klingt als nach lyrischem Gegenstück zum noch virtuoseren ersten Klavierkonzert. Der Pianist Francesco Piemontesi ordnet sich diesem experimentellen Konzept des Dirigenten weitgehend unter.

Wie bezaubernd er gestalterische Intelligenz und kultivierte Klangschönheit miteinander verschmelzen kann, zeigt er erst hinterher bei der Zugabe – in Liszts „Au lac des Wallenstadt“. Ein ganz anderer Pianist scheint da plötzlich zu spielen, Lichtjahre entfernt von jener Steifheit, die sein Spiel im Klavierkonzert beeinträchtigte. Manze steht während der Zugabe am Podiumseingang und lauscht konzentriert. Er zeigt sich von Piemontesis poetischen Qualitäten sichtlich beeindruckt.

Und das, obwohl Manze selbst schon wenig später wieder konsequent jede musikalische Schönheit, jedes romantische Nachsinnen verweigert. Robert Schumanns zweite Sinfonie op. 61 wirkt, ähnlich wie schon die Brahms-Ouvertüre zu Beginn, hektisch und verbissen. Doch nun mit einem entscheidenden Unterschied: Das DSO liebt dieses Werk hörbar, die Spiellaune der Musiker steigert sich beträchtlich. Manzes energische Anfeuerungsgesten führen zu risikoreichen Tempi. Die Bläser dominieren das Geschehen, die Streicher drücken sich in die zweite Reihe. Es ist ein Schumann, bei dem die kompositorischen Strukturen schonungslos offenliegen und viele noch nie gehörte Details den Zuhörer bedrängen.

( Felix Stephan )