Theater

Auf ihn mit Gebrüll

| Lesedauer: 3 Minuten
Katrin Pauly

„Lieber schön“ in der Komödie am Kurfürstendamm

„Wenn du jetzt gehst, bring’ ich deine Fische um!“ Greg weiß, dass seiner Freundin Steph das zuzutrauen ist. Weshalb er lieber weitere Kanonaden aus Schimpfwörtern auf sich niederprasseln lässt. Man hat in der Komödie am Kurfürstendamm schon manchem Geschlech­ter­knirsch beiwohnen können, aber was Oliver Mommsen und Tanja Wedhorn hier in Neil LaButes „Lieber schön“ abliefern, ist ein sorgfältig arrangiertes Beziehungsschlachtfest. Wie sie aneinander vorbeireden, sich verrennen, verbal verkanten, wie ihre furienhafte Empörung auf seine emotionale Hilflosigkeit prallt, es ist ein starker Auftakt zu einem hochtourigen Abend. Das Stück, im Original „Reasons to be pretty“, ist nach „Fettes Schwein“ und „Tag der Gnade“ das dritte Stück des US-Erfolgsautors, das die Kudamm-Bühnen zeigen, zum zweiten Mal führt Folke Braband Regie. Was ist passiert, dass sich die Gemüter so erhitzten? Er meint: nichts. Sie findet: viel. Die Fakten belegen ein Gespräch unter Männern über eine neue Kollegin, bei dem Greg das Gesicht seiner Freundin als „nur normal“ bezeichnete. Steph aber will nicht „normal“ aussehen, und dass er beschwichtigt, er habe ja nicht „hässlich“ gesagt, macht die Sache nicht besser. Dabei liebt er sie aufrichtig, was alle sehen können. Außer Steph. Sie packt ihre Koffer. Sie versteht den Mann nicht mehr, der Mann versteht die Welt nicht mehr.

Gregs Kollege Kent dagegen macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Bei Roman Knižka ist er ein potenzprotzender Macho, der seine schwangere Freundin Carly (Nicola Ransom) so behandelt, wie sie behandelt werden will: mit Komplimenten und Aufmerksamkeiten. Aber längst hat er die süße neue Kollegin vernascht. Spiel, Spaß, Sieg, das ist sein Motto, in der Liebe wie beim Cricket. Aus dieser doppelten Paarkonstruktion entwickelt LaBute seine Pointen, die im Original auch überhöhte Schönheitsideale und Selbstoptimierung behandeln. Folke Braband interessiert das nur am Rande. Er konzentriert sich auf das ergiebigere Thema von Wahrheit und Aufrichtigkeit und hat in Oliver Mommsens Greg den perfekten Sympathieträger, der sichtlich überfordert ist mit all den Fronten, zwischen die er moralisch gerät. Tom Presting hat dem Darstellerquartett dafür einen modern illuminierten Guckkasten mit tief hängender Decke auf die Bühne gestellt, der mit wenigen Requisiten und Lichteffekten mal als Fabrikpausenraum, mal als Asia-Restaurant fungiert. Bei all dem bohrt Folke Braband freilich nicht allzu ernsthaft in die Tiefe, dafür bleiben die Figuren dann doch zu ungebrochen, aber es ist der rasante Schlagabtausch eines spielstarken Ensembles, der den Abend dennoch unterhaltsam und sympathisch macht.

Natürlich wünscht man sich, Greg und seine Steph mögen wieder zueinander finden, obwohl sie bei Tanja Wedhorn wirklich ein ganz schön zickiges Teufelsweib ist, aber er liebt sie nun mal, und wir wollen ja, dass dieser Mann wieder glücklich wird. So einfach aber entlässt Neil LaBute das Publikum nicht, die Zukunft der Fische mag gesichert sein, die des Paares bleibt ungewiss.

Komödie am Kurfürstendamm,
Kurfürstendamm 206/209, Wilmersdorf. Tel.: 88 59 11 88. Bis 28. Februar