The Voice of Germany

Jamie-Lee Kriewitz singt im Berliner Tempodrom

2000 Fans haben sich im Tempodrom die „The Voice-Revue“ angesehen. Im Mittelpunkt Jamie-Lee Kriewitz – Gewinnerin der jüngsten Staffel.

Auf der Bühne: Jamie-Lee Kriewitz

Auf der Bühne: Jamie-Lee Kriewitz

Foto: dpa Picture-Alliance / Revierfoto / picture alliance / dpa

Im Lichtkegel steht Jamie-Lee Kriewitz. Sie trägt einen Rucksack, der aus einem Stoffeinhorn zusammengeschustert wurde und ein schwarzes Glitterkleid. Um ihren Hals hängen lila Ohrenschützer aus Plüsch auf die Figuren genäht sind, Manga-Maulwürfe vielleicht.

Etwas wackelig singt sich das Mädchen in Adeles Comeback-Single „Hello“ ein. Kriewitz Outfit ist trotz Ohrwärm-Accessoire ein bisschen enttäuschend. Bei ihrem ersten TV-Auftritt (der Blind-Audition, im offiziellen „Voice of Germany“ Fachjargon) sah Jamie-Lee Kriewitz aus, als hätte sie eigentlich bei einer Manga-Convention auftreten wollen. Die langen Schlappohren ihres blauen Pokémon-Überwurfs wackelten lustig im Takt zu ihrem Vortrag von „Hanging Tree“, einem Soundtracksong des erfolgreichen Fantasy-Epos „Die Tribute von Panem“.

Sie sang während der Fernsehshow unter anderem in einem neonfarbenen Gummirock und einem Schlafanzug in pastellfarbener Batik-Optik. Auch die Accessoires konnten sich sehen lassen: Jamie-Lee zeigte meterweise bunte Plastikketten, eine Armada an Haarspangen, Schuhe mit rund um die Sohle laufenden Leuchtdioden und zwischendurch ein rosarotes Plüschstirnband mit Katzenohren. Und dabei hatte man geglaubt, bei einer Casting-Show könne man nichts mehr erleben.

Was bleibt von Daniel Küblböck?

Kriewitz ist 17, kommt aus dem Niedersächsischen Benningsen und wird ihr Abitur um ein Jahr verschieben, weil sie vor ein paar Wochen die Casting-Show „Voice of Germany“ gewonnen hat. Style-technisch ist sie nach Daniel Küblböck das aufregendste, was Karaoke-Wettbewerbe im Privatfernsehen bislang hervorgebracht haben. Von Küblböck bleibt – neben der nervigen Quietschstimme und den schrillen 70er-Jahre Outfits – vor allem ein Unfall mit einem Gurkenlaster im Gedächtnis.

Auch wenn DSDS für ihn nicht das Sprungbrett in eine wirkliche Karriere war, Küblböck hat sein damals verdientes Geld schlau angelegt und kann jetzt sein Leben auf Mallorca genießen. Dem 17-jährigen Manga-Mädchen, das in vollem Ornat aussieht, als wäre sie eine in Silikon gegossene Version der jungen Björk, könnte eine noch steilere Karriere bevorstehen.

Das Tempodromm als Mini-Fernsehstudio

Das Tempodrom ist zu einer Art Mini-Fernsehstudio umgebaut. 2000 Fans sind hier, um sich die „The Voice-Revue“ anzusehen. Jamie-Lee Kriewitz ist sichtlich erleichtert als ihre sieben Staffel-Kollegen einspringen, um „Hello“ doch noch stimmgewaltig beenden zu können.

Was die 17-jährige gerade mit einem Teil ihrer ehemaligen Konkurrenten absolviert ist ein Teil des TV-Gewinns. Die offizielle Tour zur Casting-Show, einer semi-professionellen Karaoke-Aufführung inklusive Kostümwechseln, die man noch aus der Mini-Playbackshow kennt. Kriewitz, Kemp, Beiler, Witt und Co. singen Solo, Duett, performen zu dritt, viert, acht. Für diejenigen, die die Sendung tatsächlich verfolgt haben, wird das Konzert wenig Überraschendes bieten. Es werden ausschließlich Stücke gesungen, mit denen die Teilnehmer bereits im Fernsehen angetreten sind.

Per Videoeinspieler erleben wir die schönsten und besten, gefühligsten Momente der insgesamt 17 Folgen in Dauerschleife. Man sieht Moderatorin Lena Gerke, die sich wahnsinnig emotionalisiert die rotgeschminkten Lippen aufeinander presst. Die Juroren (Coaches), die nimmermüde, die wahnsinnigen, supertollen, beeindruckenden Auftritte loben. Stefanie Kloß, die Leadsängerin von Silbermond, schwurbelt etwas über die Magie der Show und Rea Garvey fühlt sich wiederholt geehrt, dass er mit solchen Talenten an den Aufzeichnungen teilnehmen darf. Während die Videos laufen, müssen sich die ehemaligen Kandidaten hinter der Bühne für die nächste Nummer umziehen.

Zwischendurch gibt Alex Hartung über den weiteren Verlauf des Programms Auskunft. Hartung ist ein positives Beispiel für die Neulinge im Show-Business. Er zeigt, was man aus einer Showteilnahme alles machen kann. 2014 noch selbst „The Voice“-Teilnehmer darf Hartung in diesem Jahr als Moderator fungieren und nochmal sein Eminem-Cover von vor zwei Jahren zum Besten geben. Außerdem erscheint bald Hartungs erstes Album, eine eigene CD ist das erklärte Ziel aller „The Voice“ Talente.

„Ghost“ auf YouTube mit über 1,5 Millionen Klicks

„The Voice of Germany“ sei keine sonderlich erfolgreiche Show, weil sie noch nicht einmal einen Nummer Eins Hit hervorgebracht habe, hatte der lederhäutige Casting-Häuptling Bohlen zuletzt gegrätzt. Immerhin hat Kriewitz Single „Ghost“ auf YouTube schon über 1,5 Millionen Klicks. Zeichentrick-Pop hätte tatsächlich Aussicht auf Erfolg. Die erfolgreichste Kombination aus japanischer Animee-Kunst und Musik waren bislang japanische Acts, ihr Genre: J-Pop. Fans gibt es Massenweise.

Jamie-Lee Kriewitz ist allerdings bekennender K-Pop-Anhängerin. Es ist quasi dasselbe in grün, allerdings stammen die Protagonisten aus Süd-Korea. J- und K-Pop Interpreten treten in Schulmädchenuniformen und Katzenkostümen auf. Es gibt Lack, Leder, Rüschen, schreiende Farben, und logisch: tonnenweise Schminke. Auch wer K-Pop nicht kennt, weiß, wie Lady Gaga, Katy Perry, die Spice Girls funktionieren: Erfolgreiche Pop-Acts brauchen ein Showtaugliches Alter-Ego. Solcher Erfolg zeigt sich auch national, Verkleidungsexperten wie Sido oder Cro können Auskunft geben. Weil zu Kriewitz kaugummifarbenen Gummiröckchen und dem lustigen Einhornrucksäcklein noch eine ergreifende Geschichte kommt (sie ist immerhin die jüngste Gewinnern aller Zeiten) könnte Jamie-Lees Casting-Gewinn also durchaus glorreich enden.

Auf der Tempodrom-Bühne wirkt Kriewitz allerdings verloren. Von ihrer aufwendigen Kostümierung der Aufzeichnungen fehlt jede Spur. Umso deutlicher wird im Verlauf des Konzerts, wie unsicher sich die 17-jährige durch ihr Programm singt. Die Windmaschine und das bisschen Kunstnebel können da auch nichts mehr retten. Käme es jetzt wirklich nur auf die Stimme an, dann hätte wohl Sängerin Tiffany Kemp die besten Chancen auf eine Karriere, Denise Beiler punktet zudem in Bühnenpräsenz und auch der zweitplazierte Ayke Witt dient sich als stimmgewaltiger Deutsch-Pop-Herzensbrecher an. Realistischer scheint trotzdem die Spekulation, in welchem Pokémon-Charakter Jamie-Lee wohl bei ihrer Solo-Tour antreten wird. Sollte es soweit kommen, bräuchte sie mehr Hall auf der Stimme, etwas simplere Songs und vor allem eine Menge im K-Pop erfahrene Stylisten.