Konzert im Lido

Countrysänger Jason Isbell: „Gott ist eine Rohrbombe“

| Lesedauer: 4 Minuten
Elisa von Hof
Countrysänger Jason Isbell

Countrysänger Jason Isbell

Foto: Michael Wilson

Countrysänger Jason Isbell singt im Lido in Kreuzberg über die Südstaaten, Alkoholsucht und Heimweh.

Mal blitzt Neil Young durch, manchmal auch der Slang Bruce Springsteens. Auf der Bühne steht eben ein echter Ami, einer aus den Südstaaten, wie er im Buche steht und auch wieder nicht. Jason Isbells Musik - eine Mischung aus Country, Folk und Rock - ist beim ersten Hören die Art Cowboymusik, wie es sie nur im Süden der USA geben kann: Voll von einsamen Highways, Pick-Up Trucks, Fahrtwind und Freiheit. Ein Kitsch, der sich oft nicht über die Grenzen Alabamas transportieren lässt. Bei Isbell steckt mehr dahinter. Im Lido erzählt er am Montag Abend ziemlich lyrisch und mit Südstaatenakzent von eigenen Höhen und ziemlichen Tiefen, der Alkoholsucht.

Ganz unaufgeregt steht er da, in schwarzem Hemd und Jeans, mit der Gitarre in der Hand und dunklen Ringen unter den Augen. Eine karge Bühne, ohne ausgefeiltes Lichtkonzept, nicht mal ein Plakat mit seinem Namen da. Isbell verzichtet ganz auf unnötigen Schnick Schnack. Es gibt nur ihn, seine Gitarre und die vierköpfige Band, The 400 Unit. Die sind ein eingespieltes Team, begleiteten die Vier ihn schon auf diversen Touren.

Für den Seelenstriptease in den USA gefeiert

Isbell startet rockig in das Konzert, singt mit seiner leichten Whiskeystimme Stücke aus seinem populärsten Album von 2013, „Southeastern“. Es entstand nach seinem Alkoholentzug, enthält viel Autobiographisches. Es ist der Seelenstriptease, für den Isbell in den USA gefeiert wurde. Und das nicht zu unrecht, denn Isbell zeigt sich als ein guter Geschichtenerzähler, der das Publikum fordert. Da werden Dämonen lebendig, das Verlorensein in der Sucht wird besungen - und das mit wenig Pathos und ganz ohne Kitsch. Man muss an diesem Abend genau hinhören, um den Code von Isbells bildhafter Sprache zu entschlüsseln. Denn es verlangt schon nach ein wenig Konzentration, wenn er in etwa singt, „Du dachtest, Gott ist ein Architekt, jetzt weißt du, er ist eine Rohrbombe“.

Aber nicht jeder Song entpuppt sich als poetische Wucht. Er greift eben doch auf die üblichen Zutaten eines Countryhits zurück. Da sind dann unendliche Highways, Einsamkeit und Heimweh, die uns in verkitschten Pick-Up Trucks begegnen. Dazwischen – wie könnte es anders sein – warten Mädchen in Boots. Dass das nie zu kitschig gerät, liegt mehr an Isbells Auftreten als an seiner Musik. Er gibt sich konzentriert, zurückhaltend, sehr schlicht für einen Countrystar, und bringt das Publikum mit kleinen Anekdoten zum Lachen: Über Jägermeister, das „Teufelszeug“, oder über David Bowie, der ihn sehr inspiriert habe, weil der „motherfucker“ so gute Songs schreiben konnte.

Aktuelles Album „Something more than free“

Immer wieder spielt Isbell einige Stücke vom aktuellen Album „Something more than free“, das dem 36-Jährigen zwei Grammy-Nominierungen einbrachte. Dann switched er wieder zu älteren Songs, die aus seiner Zeit bei der Folkband Drive-By Truckers stammen.

Für die Musiker aus seiner Heimat Alabama schrieb Isbell schon mit 21 Jahren Lieder. „Damals war ich noch zu jung, um selbst interessante Dinge erlebt zu haben, deswegen hab ich die von anderen wie meiner Familie erzählt“, sagt Isbell auf der Bühne. Die Lieder aus dieser Zeit klingen wie echter Südstaatenrock: Mehr Country, mehr Gitarrensoli, mehr Amerika-Feeling als die leicht verkopften Stücke seiner Solozeit.

Das Publikum freut’s. Immer wieder ertönen Jubel- und Zwischenrufe, Pfiffe, Schreie mitten im Stück. Isbell lässt sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Er zieht sein Programm mit ernstem Gesicht durch, die Stirn in Falten, die Halssehnen gespannt.

Bis zu seinem populärsten Hit, „Cover me up“. Da singt und schreit er mit geschlossenen Augen und nach hinten geworfenem Kopf, dieses Mal für immer vom Alkohol los gekommen zu sein. Und man wünscht ihm, es stimmt.