Kultur

Der dienstälteste Chefdirigent

Zubin Mehta feiert gemeinsam mit Daniel Barenboim seinen 80. Geburtstag. Ein Gespräch

Zubin Mehta ist einer der reisenden Stardirigenten. Der gebürtige Inder lebt in Los Angeles, ist Musikdirektor in Tel Aviv und noch bis 2017 Chefdirigent in Florenz. Gerade ist er aus Singapur nach Berlin angereist, wo er Ehrendirigent der Staatskapelle ist. Ein wenig müde sei er, sagt Mehta. Was aber seinem Humor kaum schadet. Am Mittwoch geben die beiden langjährigen Freunde Daniel Barenboim, der als Pianist auftritt, und Zubin Mehta ein Geburtstagsständchen mit der Staatskapelle in der Philharmonie.

Berliner Morgenpost: Herr Mehta, Ihr 80. Geburtstag findet doch erst am 29. April statt.

Zubin Mehta: Ja, ja, ich muss noch beten, dass alles gut geht.

Die Frage lautet eigentlich, wie viele Geburtstagskonzerte Sie bis dahin dirigieren werden?

In Berlin, anschließend in Israel, dann mit der Israel Philharmonic in Indien. Dann folgen Florenz und Wien. Am Geburtstag selbst mache ich einen Beethoven-Abend mit Daniel in Wien. Die Wiener hatten das vor drei Jahren gebucht. Inzwischen kamen andere Städte, und ich musste Nein sagen, weil ich es den Wienern versprochen hatte.

Das Konzert in der Philharmonie ist auch ein Gedenkkonzert für den gerade verstorbenen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez?

Daniel dirigiert jetzt zu Beginn ein Stück von Boulez. Aber mein Verhältnis zu Boulez war auch ausgezeichnet. Ich war ja Ende der 70er-Jahre sein Nachfolger bei der New York Philharmonic geworden. Damals haben wir viele Gespräche geführt. Ich habe seine Notations, Daniel dirigiert jetzt die Nummer 3, in New York erstaufgeführt. Boulez war ein grundehrlicher Mensch. Das habe ich sehr geschätzt. Nur, wenn er etwas aufgeschrieben hatte, dann konnte man das nie lesen. Er hatte die kleinste Schrift der Welt.

Jeder große Dirigent hat seine eigenen lebenden Lieblingskomponisten?

Penderecki zähle ich dazu. Auch sein polnischer Kollege Lutoslawski war ein Lieblingskomponist von mir. Und an der Münchner Staatsoper hatte ich Aribert Reimanns Oper „Bernarda Albas Haus“ uraufgeführt. Ich finde ihn toll.

Fürs Geburtstagskonzert sind Schumanns Klavierkonzert und Mahlers erste Symphonie angekündigt. War das Ihre Wahl?

Den Schumann hat Daniel ausgesucht. Wir haben bereits so viele Jubiläen gemeinsam gefeiert, seinen 65. und 70. usw. Da hat er immer Brahms oder Beethoven gespielt. Jetzt wollte er Schumann machen. Der Mahler war das erste Stück, dass ich 1961 in Berlin dirigiert habe. Ich hatte als junger Mensch den Mut, es bei den Philharmonikern zu machen. Aus heutiger Sicht war das sehr mutig.

Was werden Sie heute anders machen?

Im Grundkonzept eigentlich wenig, einige Details vielleicht. Ich habe Mahlers Erste auch mit der Israel Philharmonic gespielt, als wir 1971 das erste Mal nach Deutschland kamen. Es war damals nicht gerade leicht für Israelis, hierher zu kommen. Heute ist das überhaupt kein Problem mehr, viele israelische Touristen sind gerade auch in Berlin. Aber selbst 1971 haben sich nur zwei von 112 Orchestermusikern geweigert mitzukommen. Beide waren KZ-Überlebende. Sie haben gesagt, sie können nicht. Und keiner hat sie gedrängt. Das Gastspiel war eine Sternstunde fürs Orchester.

Seit 1969 sind Sie in Tel Aviv. Sie amtieren als dienstältester Chefdirigent?

Ich glaube, es gibt weltweit keinen Dirigenten, der länger ein Orchester leitet. Es sind jetzt schon 47 Jahre.

Sie proben und dirigieren in einem Land, dass ständig in seiner Existenz bedroht wird, im Moment gibt es im Inneren regelmäßig Attentate von Palästinensern. Wie kann man als Künstler damit leben?

Ich lebe nicht in Israel, aber ich bin dreimal im Jahr für drei bis vier Wochen dort. Aber auch wenn ich im Ausland bin, bin ich natürlich bei ihnen. Es gibt keine Woche ohne irgendeine Explosion, manchmal gibt es wochenlang nur kleine Explosionen und dann folgt eine Semi-Intifada. Es wird oft von beiden Seiten provoziert. Die Raketenangriffe von Gaza aus hätten Tel Aviv vernichtet, wenn es nicht den Iron Dome gegeben hätte. 2000 Raketen sind kein Scherz. Ich bewunderte die Tapferkeit der Israelis.

Hatten Sie jemals Angst?

Wir haben jeden Abend Konzerte gegeben. Wenn die Sirenen anfingen, dann haben wir unterbrochen. Aber der Saal war voll. Trotzdem bin ich nicht einverstanden mit der Politik der heutigen Regierung. Was die ausländische Presse nicht schreibt: Die innere Lage in Israel ist schrecklich, Arbeitslosigkeit, Inflation, junge Leute bekommen keine Wohnungen. Aber die Israelis brauchen Musik.

Sie haben in Tel Aviv ein Vertrag auf Lebenszeit, heißt es?

Das ist ein Handschlag, kein Vertrag. In dem Moment, indem sie eine Veränderung wollen, werde ich das Orchester aufgeben. Das ist jetzt in Florenz nach 32 Jahren geschehen.

Gibt es eine Mehta-Dirigentenschule?

Nein. Es gibt Leute, die behaupten, dass mich junge Dirigenten nachmachen. Aber das beruht wohl darauf, dass mich viele beobachtet haben. Wir haben als junge Dirigenten auch Karajan ein bisschen nachgemacht.

Sie werden jetzt 80. Womit halten Sie sich fit? Machen Sie Sport?

Nein. Der Beruf ist genug. Ich dirigiere nach wie vor im Stehen. Was vielleicht hilft: Ich trinke keinen Alkohol und ich rauche nicht.

Und wie ertragen Sie dann den Zigarrenqualm von Daniel Barenboim?

Hmm. Vor ihm hat schon der große Rubinstein Zigarre geraucht. Da muss es irgendeine Art Evolution geben.