Kultur

Streit ums Urheberrecht von Anne Frank

Was Anne Frank in ihrem holländischen Versteck ins Tagebuch schrieb, bewegt die Menschen noch heute. Generationen von Jugendlichen haben anhand ihrer ergreifenden Texte nachvollzogen, was der Nationalsozialismus für ein jüdisches Mädchen bedeutete. Ein historisches Dokument, das zum Ärger des Anne Frank Fonds nun frei im Internet publiziert wurde. Jetzt tobt ein Streit um das Urheberrecht – und indirekt auch um die Frage, wie das Erbe Anne Franks am besten bewahrt werden kann.

Anlass für den Zwist ist ein trauriger Jahrestag: 2015 jährte sich der Tod des Mädchens im Konzentrationslager Bergen-Belsen zum 70. Mal. Nach Ansicht der französischen Grünen-Abgeordneten Isabelle Arrand und des Wissenschaftlers Olivier Ertzscheid von der Universität Nantes ist damit der Urheberschutz ausgelaufen. Sie schufen Fakten; am 1. Januar stellten die beiden das Tagebuch ins Internet. „Dieser Text ist noch mehr als andere dazu bestimmt, aller Welt zu gehören“, sagt Ertzscheid.

Der in der Schweiz beheimatete Anne Frank Fonds, gegründet von Annes Vater Otto Frank und Alleinerbe der Autorenrechte, hält die Veröffentlichung dagegen für einen Rechtsbruch. Auch wenn es sich nur um eine „Kurzversion“ auf Niederländisch aus dem Jahr 1947 handele, verletze sie dennoch das Copyright, sagt Fonds-Sprecher Yves Kugelmann. Die Stiftung argumentiert mit der komplizierten Geschichte der Veröffentlichungen des Tagebuchs – der Schutz gelte deshalb noch viele Jahre weiter.

Die Amsterdamer Anne Frank Stiftung, die die Original-Schriften als Dauerleihgabe vom niederländischen Staat erhalten hat, und der Baseler Fonds trafen sich wegen der Urheberrechte sogar schon vor Gericht. Ob das jetzt wieder passiert? Kugelmann schreibt, man prüfe bei Rechtsverletzungen „von Fall zu Fall ob und wie wir vorgehen“. Ertzscheid nimmt das Risiko jedenfalls in Kauf. In einem Anwaltsschreiben, das er ebenfalls auf seiner Webseite veröffentlichte, hatte die Stiftung ihm vorab mit Konsequenzen gedroht. Er meint: „Es ist ein Fall, der es verdient, diskutiert zu werden.“