Klassik-Kritik

Finnisches Drama, vorgetragen mit jugendlicher Wucht

Skandinavisches Heldenepos in der Philharmonie

Von uralten Kräften niedergemäht sitzt man in der Philharmonie und kann nur halb benommen in den Jubelapplaus einstimmen. Jean Sibelius’ Chorsymphonie „Kullervo“ hat sich mit seiner ganzen Unbedingtheit und jugendlichen Wucht ausgebreitet wie die Druckwelle eines Überschallrentierschlittens, herausgebrüllt vom fantastischen 60-köpfigen jungen finnischen Männerchor Mieskuoro Euga und der Deutsch-Skandinavischen Jugend-Philharmonie unter der Leitung von Andreas Peer Kähler. Die Sänger sind im Schnitt 24 Jahre alt, die Orchestermusiker sogar höchstens so alt. Und doch haben sie das Epos gerade interpretiert, als hätten sie níe etwas anderes getan.

Sibelius studierte in Wien, als er mit „Kullervo“ seine erste Symphonie schrieb, knapp 27 Jahre alt war er, als sie uraufgeführt wurde und ihn über Nacht in seiner Heimat zum Jahrhundert­komponisten und Nationalhelden machte. Das Heldenepos aus dem finnischen Kalevala um den schönen, blaubestrumpften Kullervo und ein junges Mädchen handelt von Vergewaltigung und Inzest, gefolgt vom Freitod des Mädchens und dann auch den Kullervos. Beeindruckend sind die beiden Solisten, der metallisch-stolze amerikanische Bariton Simon Barrad und die estnische Mezzosopranistin Tuuri Dede, mit samtig-edlem Schimmer.

In der Musik stecken alle Charakteristika, die auch den späten Sibelius ausmachen. Die trefflichen, ausschweifenden musikalischen Naturbeschreibungen gelingen flirrend zwischen den Instrumenten und pompösem Blechbläserklang. Nicht jeden Ton trifft das Orchester richtig, aber die Energie, die die jungen Musiker bündeln, ist aufwühlend.

Andreas Peer Kähler hat sich mit der Aufführung von „Kullervo“ einen lang gehegten Traum erfüllt. Zum 40. Jubiläum der Deutsch-Skandinavischen Jugend-Philharmonie und zum 150. Geburtstag von Sibelius war es endlich so weit. Kähler war zu Beginn selbst in dem Alter der Musiker, die er seit 35 Jahren zur zuletzt immer um den Jahreswechsel stattfindenden Orchesterwoche einlädt. Zwar werden immer Werke skandinavischer Komponisten erarbeitet, aber längst kommen die Teilnehmer aus der ganzen Welt. Aus einem studentischen Projekt wurde ein Workshop mit Dozenten aus verschiedenen Berliner Orchestern. Auch der 1. Solokontrabassist der Berliner Philharmoniker, der Finne Janne Saksala, ist der Orchesterwoche seit Jahren verbunden. Diesmal hat er den Solopart in Andreas Peer Kählers Auftragswerk „Sisua Perkele“ übernommen, für Chor, vier Schlagzeuger und sehr virtuosen Kontrabass. Der Nonsenstext sammelt finnische Städtenamen, Helden, Biermarken und Flüche. Für „Sisua“ gebe es keine Übersetzung, lacht Janne Saksala, es bedeute in etwa Durchhaltewillen und Perkele sei ein Schimpfwort. Die Übersetzung laute ungefähr: „Verdammt noch mal, jetzt gehen wir da durch.“