Musik

Pierre Boulez: Tod eines Revolutionärs

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Volker Blech
Eine Weltkarriere: Mit 90 Jahren ist der französische Komponist Pierre Boulez in Baden-Baden gestorben

Eine Weltkarriere: Mit 90 Jahren ist der französische Komponist Pierre Boulez in Baden-Baden gestorben

Foto: Getty Images / Getty Images Entertainment/Getty Images

Er war einer der großen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Ohne Pierre Boulez wäre die Musikgeschichte anders verlaufen

Als Revoluzzer ist Pierre Boulez berühmt geworden. Seine Aufforderung „Sprengt die Opernhäuser in die Luft“ von 1967 hat die abendländische Musikwelt schon erschüttert. Dabei hat kein Mensch geglaubt, dass so ein rundum bürgerlich gebildeter Franzose ernsthaft zur Gewalt aufruft. Aber er hat immer versucht, ein wenig Sand ins Getriebe des etablierten Klassikbetriebs zu werfen, um der zeitgenössischen Musik Momente des Gehörtwerdens zu verschaffen.

Das Urteil über sein Schaffen reicht von genial, verrückt, berechnend bis total überzogen. Genau das alles trifft auf Pierre Boulez zu, der am Dienstag in Baden-Baden im Alter von 90 Jahren verstorben ist. Er war einer der wenigen großen Komponisten des 20. Jahrhunderts, zusammen mit Arnold Schönberg, Igor Strawinsky und Dmitri Schostakowitsch. Ohne Boulez, so viel darf man behaupten, wäre die Musikgeschichte anders verlaufen.

Seine radikal konstruierte Musik trug ihm den Spitznamen „Robespierre“ ein

Pierre Boulez war am 26. März 1925 im westlich von Lyon gelegenen Montbrison geboren worden. Der Mathe-Freak und Sohn eines Stahlfabrikanten entwickelte die Zwölftontechnik von Arnold Schönberg – über den er sich später auch abfällig äußerte - zur sogenannten seriellen Musik weiter. Dahinter verbirgt sich eine Strömung der Neuen Musik, die auf Zahlen- oder Proportionsreihen aufbaut. Seine in den 1950er-Jahren radikal konstruierte Musik trug ihm den Spitznamen „Robespierre“ ein. Das war eine Anspielung auf den französischen Revolutionsführer. Tatsächlich hat Boulez, der 1943 Kompositionsschüler von Olivier Messiaen am Pariser Konservatorium geworden war, versucht, die französische Poesie etwa des Impressionismus mit absoluter Logik und Konzentration zu verbinden. Die Modernität seiner Kompositionen wie „Notations“ oder „Le marteau sans maître“ („Der Hammer ohne Herr“) wird von vielen Klassikliebhabern als atonal, chaotisch und ungeordnet empfunden. Boulez’ Werk ist nicht gerade leicht zugänglich.

Er dirigierte eigene Werke, aber natürlich nicht nur

1952 hatte er erstmals die Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt besucht, zwei Jahre später gründete er in Paris die Konzertreihe Domaine Musical. Ebenfalls in Paris gründete er später das Ensemble InterContemporain, eine der international wichtigsten Musiktruppen für die Moderne. Boulez vermittelte in New York, in Baden-Baden, wo er seit mehr als fünf Jahrzehnten mit seiner Familie seinen deutschen Wohnsitz hatte, auch in Berlin am Pult der Philharmoniker und der Staatskapelle. Denn Boulez gehörte außerdem zu letzten großen dirigierenden Komponisten.

Es war eine Weltkarriere. Er dirigierte eigene Werke, aber natürlich nicht nur. Er war immer ein kritischer Begleiter des Repertoirebetriebs. Sein eigenes Repertoire reichte von klassischer über „mikrotonale“ Musik mit Computer bis hin zu Konzerten mit Bruce Springsteen oder Frank Zappa. Routine langweilte ihn. Der Komponist war bereits seit längerem erkrankt. Zu den Konzertreihen zu Ehren seines 90. Geburtstages in Baden-Baden und in Berlin konnte er schon nicht mehr selbst kommen. Der Maestro verfolgte sie von zu Hause per Live-Schaltung auf dem Bildschirm mit.

An der Staatsoper Unter den Linden war ich Pierre Boulez vor knapp zehn Jahren zum ersten Mal begegnet. Vorm Intendanzgebäude wartete ein kleiner, freundlicher Herr mit typisch französischer Noblesse. Im Gespräch sollte es um den Mahler-Zyklus der Staatskapelle gehen, den sich Boulez mit Daniel Barenboim in Berlin und New York teilen wollten. Plötzlich stand ein zweiter Mann neben Boulez. Es war Barenboim, der gerne mit Boulez gemeinsam sprechen wollte. An Mahler schätzte Boulez besonders sein Wirken als Komponist des Übergangs. „Es gab einerseits die Nostalgie auf eine Welt, die schon vergangen war, andererseits war er konzeptionell schon so weit, dass er einem Schönberg die Hand geben konnte.“ Das genau war der Widerspruch, der Boulez selbst zeitlebens umtrieb. Aber er war das Kind einer anderen Zeit, er sollte radikaler reagieren.

„Ich wollte bewusst mit der Tradition brechen“

Wie weit diese Künstlerfreundschaft reicht, wurde später deutlich, als in Berlin die neue Barenboim Said Akademie langsam Gestalt annahm. Im früheren Magazin der Staatsoper, quasi auf deren Rückseite, entsteht gerade eine neue Musikhochschule für Studenten aus dem Nahen Osten. Sie soll in diesem Jahr eröffnet werden. Als Herzstück hat Architekt Frank Gehry einen futuristisch anmutenden Konzertsaal entworfen. Der neue Saal wird den Namen Pierre Boulez tragen. Es ist anzunehmen, dass es rund um den Saal künftig auch Konzerte, Symposien und Festivals geben wird, die an den Namensgeber erinnern.

Denn in Erinnerung wird bleiben, wie sich Boulez immer wieder für Musik, ob Tradition oder Moderne, eingesetzt hat. Und auch die Oper hatte er keineswegs aus seinem Herzen gesprengt. 1976 hatte er etwa in Bayreuth die legendäre „Ring“-Inszenierung von Patrice Chéreau dirigiert. Zunächst angefeindet, wurde die Produktion bald schon als „Jahrhundert-Ring“ gefeiert. Boulez wählte für die Musik natürlich eigene Tempi: „Ich wollte bewusst mit der Tradition brechen, nie aber mit der Geschichte“, sagte er einmal. Pierre Boulez gehört wohl zu den wenigen Künstlern, die mit ihrem Tod die Schwelle zur Unsterblichkeit überschritten haben.