Kultur

Als wir Charlie waren: Eine Dokumentation über die Attentate von Paris

Das eben zu Ende gegangene Jahr war eingerahmt von zwei schrecklichen terroristischen Anschlägen in Frankreichs Hauptstadt. Das Massaker vom 13. November, bei dem bewaffnete, zum Teil mit Sprengstoffgürteln bekleidete Attentäter in Paris 130 Menschen töteten und 352 verletzten, erinnerte an die nicht minder grausamen Ereignisse, die sich am 7. Januar in der Rue Nicolas-Appert im 11. Arrondissement zugetragen hatten. Bei den Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ drangen zwei maskierte Täter in die Redaktionsräume ein. Sie töteten elf Personen und verletzten mehrere Anwesende. Am darauffolgenden 8. Januar ermordete ein schwer bewaffneter Täter im Süden von Paris eine Polizistin, überfiel daraufhin einen Supermarkt für koschere Waren im Osten der Stadt, tötete dort vier Menschen und nahm mehrere Geiseln, bei deren Befreiung er schließlich ums Leben kam.

So lauten die Fakten. Auf dem Feld der Deutungen wurde schon bald nach den Attentaten vom Januar die Verwundbarkeit offener Gesellschaften hervorgehoben, für die Frankreich nun als trauriges Beispiel galt. Der Fernsehsender Arte widmet dem Jahrestag der Morde einen Themenabend, der mit einer Dokumentation von Benoît Bertrand-Cadi eröffnet und von einer Diskussionsrunde ergänzt wird.

Bertrand-Cadis Film ist interessant, weil er sich aus genuin französischer Perspektive mit dem Thema auseinandersetzt. „Wir wollten auch zeigen“, hat Bertrand-Cadi im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa gesagt, „inwiefern der französische Militäreinsatz in Mali dazu beigetragen hat, dass Paris als Anschlagsziel ausgewählt wurde. Die Anschläge auf ‚Charlie Hebdo‘ hatten gewissermaßen dasselbe Motiv wie die Attentate in Dänemark einen Monat darauf. Sie richteten sich gegen Symbole: gegen die Meinungsfreiheit und die jüdischen, französischen und dänischen Gemeinschaften. Im November wurden ein Gesellschaftsmodell und eine symbolträchtige Stadt in ihren Grundfesten erschüttert.“

Der Film kombiniert zeitgenössisches Filmmaterial mit den Statements prominenter Franzosen, darunter Laurent Sourisseau, der Geschäftsführer von „Charlie Hebdo“, der jetzige Chefredakteur Gérard Biard, der Zeichner der dänischen Mohammed-Karikaturen von 2005, Kurt Westergaard und der französische Innenminister Bernard Cazeneuve. Die meisten Wortbeiträge stammen von der Philosophin Élisabeth Badinter. Sie hebt die Provokationen hervor, die von „Charlie Hebdo“ von jeher ausgingen. Dort scherte man sich wenig um islamistische Drohgebärden und veralberte sie im Zweifelsfall einfach. Damit habe das Magazin auch für viele gläubige Menschen in Frankreich ein Problem dargestellt, insbesondere natürlich für Fanatiker, die ihre Religion beschmutzt sahen – und zum Äußersten bereit waren, um ihre vermeintlich verletzte Ehre wiederherzustellen. Andererseits, so Badinter, war kein stärkeres Fanal für die Meinungsfreiheit denkbar als die Beharrlichkeit der Satiriker. Was nach dem Entsetzen bleibt, ist eine gewisse Ratlosigkeit.

Der Film bringt auch das Agieren des französischen Staatspräsidenten François Hollande in Erinnerung, der zuvor häufiger eine unglückliche Figur abgegeben hatte, im Moment des Schocks aber die richtigen Worte zu finden vermochte. Vor allem aber zeigt er die Zeugnisse internationaler Solidarität: auf politischer Ebene, vor allem aber anhand der symbolischen Gesten, die von den Menschen auf dem ganzen Erdball ausgingen.

„Je suis Charlie, je suis Paris“.
Arte, Dienstag, 20.15 Uhr.