Pop

Prinz Pi macht Musik für Außenseiter

Rilke ist sein Vorbild, Nietzsche sein Held. Der Berliner Musiker Prinz Pi möchte lieber nicht dazugehören.

Rapper Prinz Pi ist 36 Jahre alt, sein neues Album „Im Westen nix Neues“ erscheint in diesem Monat

Rapper Prinz Pi ist 36 Jahre alt, sein neues Album „Im Westen nix Neues“ erscheint in diesem Monat

Foto: Amin Akhtar

Er sieht ein wenig so aus, wie man sich einen 36-jährigen Sohn von Kai Diekmann vorstellen würde, wenn Kai Diekmann denn einen 36-jährigen Sohn hätte und er noch seine klassische Frisur tragen würde. Prinz Pi, das ist ein Rapper mit zurück gegelten Haaren und halbrunder Hornbrille. Auf Tour hat er immer seine eigene Espressomaschine dabei. Er liebt guten Kaffee. Und schlafen, das tut er stets nur bei offenem Fenster. Prinz Porno nennt er sich auf manchen Alben auch. Es ist sein altes Pseudonym, es lenkt ab, denn der junge Herr, zweifacher Vater, ist nur allzu adrett und nett. Aber doch ein Außenseiter. Er sagt das, nein, er betont das, denn er war schon immer ein Außenseiter und will auch einer bleiben, er sagt, es ist nötig, denn er macht auch Musik für Außenseiter.

Für Menschen wie ihn, damals, als er auf das Gymnasium Steglitz ging, auf dem alle Kinder aus guten Hause kamen. Nur er, sagt er, der Sohn, aus der unteren Mittelschicht, hatte nicht die richtigen Logos auf dem Pulli. Auf seinem neuen, mittlerweile dreizehnten Album „Im Westen nix Neues“ erinnert er sich in mehreren Liedern immer wieder an diesen Umstand, anders als alle anderen zu sein. Ausgegrenzt und ein bisschen klüger. Hoffentlich. Nietzsche und Salinger waren seine Helden in der Schule, sagt er. „Nicht das richtige Logo tragen“, es ist sein Leitmotiv.

Die anderen, für ihn sind das die allzu runden, die Rädchen im Getriebe oder auch „die Uniformierten“. Mit 16 stand er als linker Jugendlicher der Polizei gegenüber, wenn er demonstrieren ging, gegen Jacques Chirac, gegen Rechts. Ende der 90er-Jahre wurde er dann Rapper, hier stand er der Baggy-Jeans-Armee gegenüber, die auf ihn runter guckte und fragte: Was willst du denn hier? Du bist ein deutscher Junge in engen Hosen und Brille. Du gehörst hier nicht her, du passt hier nicht. Aber er machte weiter. Seit 2013 gehen seine Alben in den Charts auf Platz 1.

Hat er mit 36 nicht ganz andere Probleme als Jugendliche?

Hat er nicht das Gefühl, dass sich die soziale Hierarchie des Schulhofs, im echten Leben umdreht? Er sagt, er ist noch immer Außenseiter. Auch in der Musikbranche, da gehört er nirgends dazu. Und hat er nicht das Gefühl, dass wenn er Musik für schulische Außenseiter macht, dass er vielleicht eines Tages, eines nahen Tages – mit Verlaub – zu alt sein könnte für seine Fans, seine Hörer? Hat er mir 36 nicht ganz andere Probleme als Jugendliche? Wieder schüttelt er den Kopf. Nein, sagt er, er glaube, die wesentlichen Probleme bleiben ein Leben lang die gleichen. Man will einen Sinn sehen in dem, was man tut und geliebt werden, das will man auch.

Liebe, die ist sein zweites großes Thema. Auf „Im Westen nix Neues“ klingt sie häufig nach Trennung. Er sagt, Liebe sei schwierig. Man will einfach zu viel von ihr. Die Freundin soll die liebste Hure sein und die beste Freundin sein. Stütze und Ansporn. Vertraut und doch immer neu. Man stellt einfach zu viele Ansprüche. Sie heben sich gegenseitig auf. Seine Traumfrau, sagt er, sei überdies eine Frau wie Prinzessin Leia aus Star Wars. Eine Süße mit absonderlicher Frisur. Er sagt, er mag Frauen, die ein bisschen anders sind. Nicht wie alle andern. Im Grunde also wie er.

Prinz Porno, das war sein lyrisches Ich

Sein neues Album, sagt er, und ja es ist eine Binse, die schlimmste Binse sogar, jene die jeder Künstler überall und immer über sein neuestes Werk sagt, aber hier, ausnahmsweise stimmt sie, sein neues Album, es ist wirklich sehr persönlich geworden. Er rappt es auch: „Hinter jedem meiner Worte stecken Tage die waren“. Er sagt, es ist so persönlich, dass er auf die Texte im Detail lieber nicht weiter eingehen will. Das wäre dann zu privat und peinlich. Wenn er über Liebe rappt, vielleicht Vaterliebe, dann klingt das manchmal so: „Für immer und immer bin ich für dich da.“ Und mal so: „Die Momente nach den Streits sind die engsten“. „1,40 m“ heißt der Song, er hat ihn gemeinsam mit Philipp Dittberner aufgenommen. Das Lied über eine eher anstrengende, tot gesagte, sich ständig faserig reibende Liebe, es klingt nach einer Single. Wenn er von seiner viel beschworenen Einzigartigkeit rappt, dann klingt das hingegen so: „Seit ich denken kann, steche ich raus, wie vor weißer Tapete“.

Er sagt, Prinz Porno, das war sein lyrisches Ich, nun habe er keins mehr in dem Sinne, dass seine Meinung deckungsgleich sei, mit dem was er schreibe. Sein Album ist in Schweden entstanden, in einer abgelegenen Blockhütte für 30 Euro pro Tag. Vier Wochen ohne Internet, ohne seine Kinder, ohne Ablenkung und Verpflichtung, dafür aber mit einem Boxsack an einer Birke und einem Buch von Oliver Sacks über Post-Encephalitis.

Er sagt, er rappt über große Themen, die er im privaten Gespräch mit noch mehr Fachwörtern verhandeln würde, sicher, aber Musik solle eben sehr komplexe Zusammenhänge einfach verhandeln. Sein Vorbild? Rilke, sagt er, der konnte genau das, große Dinge in kleinen Zeilen verhandeln. Ein Song, findet er, der muss sein wie eine Pille, in dir aufsprudeln, nachdem du sie geschluckt hast, die Wirkung erst nach und nach entfalten. Welche seiner Zeilen, glaubt er, funktioniert zum Beispiel so? „Wir meinten immer nur einander, wenn wir Glück sagten“, sagt Pi. Er findet, diese seine Zeile sei vielleicht auf den ersten Blick kitschig, auf den zweiten Blick aber groß. Denn, sagt er, wir leben in konsumorientierten Zeiten, dass da Glück aber eben nichts mit Konsum, sondern mit Zweisamkeit zu tun hat. Er sagt, das muss man erstmal verstehen. Trennungen gebe es überall. Nicht nur in der Liebe.

In diesem Jahr sei sein Hund gestorben. Ein Shiba Inu, besonders auch für seine Tochter sei das schlimm gewesen, sagt Papa Pi. Zum ersten Mal hat sie erlebt, dass niemand wirklich für immer bei einem ist. Dass Verlust zum Leben dazu gehört, und auch, dass man ihn überlebt.