Buch

Auf dem Rücken eines kriechenden Kamels

Die Sehnsucht nach Abenteuer ist so alt wie die Menscheit: „Das Buch des Reisens“ versammelt wundersame Entdeckergeschichten des Berliner Historikers Rainer Wieland.

Foto: Wkipedia

Eines der schönsten und optisch ansprechendsten Bücher dieser Saison ist Rainer Wielands „Das Buch des Reisens. Von den Seefahrern der Antike zu den Abenteurern unserer Zeit“. Der Berliner Historiker und Literaturwissenschaftler, viele Jahre lang Lektor der renommierten „Anderen Bibliothek“, hat in diesem prachtvollen, mit zahlreichen Karten und Farbabbildungen ausgestatteten Band 69 authentische Berichte der großen Reisen der Weltgeschichte versammelt. Bibliophile kommen ganz auf ihre Kosten: Es ist eine Freude, dieses Buch aufzuschlagen und sich zuhause dem „Reisen im Kopf“ hinzugeben.

Mit Goethe nach Italien und mit Humboldt in die Anden

Der Leser bemerkt schnell: Die Sehnsucht nach Abenteuer und Entdeckung ist so alt wie die Menschheit. Früheste Aufzeichnungen von Reisenden wurden vor 5000 Jahren hinterlassen, im Zuge der Entwicklung der Schriftkultur. Der erste hier abgedruckte Reisebericht datiert auf das Jahr 470 v. Chr. („Unterwegs in Westafrika“, Hanno der Seefahrer), der jüngste stammt aus der Feder von David Foster Wallace („Luxuskreuzfahrt in der Karibik“, 1995).

Dazwischen spannt sich ein breit gefächertes Panoptikum auf: Der Leser begleitet Herodot nach Ägypten, Marco Polo nach China, Heinrich den IV. über die Alpen nach Canossa (die Redewendung vom „Gang nach Canossa“ hat hier ihren Ursprung), Albrecht Dürer und sein „Weib“ nach Antwerpen, Humboldt in die Anden, Goethe nach Italien, Heine nach Paris, der französische Dichterkollege Victor Hugo unternahm seinerseits eine „Romantische Rheinreise“, Gertrude Bell zog es in die Wüste, Amelia Earhart in die Lüfte, und Bruce Chatwin reist bis ans – fast – südlichste Ende der Welt: nach Patagonien.

Der Leser erfährt Näheres über höchst unterschiedlichen Reisemotive: von Kreuzzug und (versuchter) Eroberung, über Entdeckungsfahrten und die Forschungsexpedition, die Pilgerfahrt und die Handelsreise, die Kavalierstour und Bildungsreise, die ersten Reisen mit Eisenbahn und Automobil bis hin zu den Vergnügungsreisen der Gegenwart, von Kutsche bis Kreuzfahrtschiff. Immer wieder stehen die Fragen im Mittelpunkt: Warum reisten die Menschen, wohin und womit?

Vor dem Leser blättert sich ein faszinierendes Panorama der Lust und Qual des Reisens auf. So notierte der Afrikaforscher und Orientalist Sir Richard Francis Burton über die berühmte Pilgerreise nach Mekka: „Ich kann gar nicht sagen, wie schrecklich die Leiden auf solch einer langen nächtlichen Wanderung in der Wüste sind. Der Reisende fühlt sich von der Anstrengung erschöpft, sieht nichts von der Gegend und muss auf dem Rücken eines langsam kriechenden Kamels ausharren. Tagsüber kann er wegen der Hitze nur dösen, was ihm auch noch den Appetit verschlägt.“ Zuvor war ihm der Rat des Propheten gegeben worden: „Tritt deine Reise an, wenn es dunkel ist, denn was hässlich ist auf der Erde, Schlangen und wilde Tiere, zeigt sich bei Nacht nicht.“

Eine Ausnahmeerscheinung ihrer Zeit war die Engländerin Mary Kingsley, die allein im 19. Jahrhundert Westafrika erforschte. Mit 300 Pfund und einem wasserdichten Seesack, in dem sie ihre Ausrüstung verstaute, stach sie auf einen Kutter in See. Die junge Frau, deren Eltern früh verstorben waren, blieb fünf Monate in Afrika. Eine zweite Reise nach Französisch-Äquatorialafrika sollte im Jahr 1895 folgen. Kulturell Überraschendes weiß die unerschrockene Kosmopolitin stets mit Contenance zu quittieren.

So berichtet sie über einen Besuch bei den Fang, einem Stamm in Französisch-Äquatorialafrika (dem heutigen Kamerun und Gabun). Als Kingsley ein seltsamer Geruch in ihrer Hütte auffällt, schnürt sie einen an einem Deckenbalken hängenden Sack auf und stellt fest, dass sich darin menschliche Hände, Zehen, Augen und Ohren befinden. Ungerührt bringt sie zu Papier: „Die Hand war frisch, der Rest so lala, der Rest verschrumpelt. Ich legte sie zurück und verschnürte den Sack wieder.

Später erfuhr ich, dass die Fang zwar ihre befreundeten Stammesmitglieder essen, doch zur Erinnerung gerne ein kleines Stück von ihnen aufbewahren. Von diesem rührenden Charakterzug erfuhr ich durch Wiki, und obwohl diese Verhaltensweise angesichts der Umstände für sie spricht, ist es dennoch recht unangenehm, wenn die Überreste in jenem Schlafzimmer hängen, in dem Sie die Nacht verbringen – insbesondere wenn der Trauerfall in der Familie ihres Gastgebers noch nicht lange zurückliegt.“

Ein Ausbruch aus der Routine des Alltages

Wieland entführt uns in eine Zeit, in der das Reisen noch Abenteuer und Herausforderung auf vielen Ebenen war. Jede Reise ist auch eine Reise zu sich selbst. Sie bedeutet, so Wieland, „einen Ausbruch aus der Routine des Alltags und Abschied von alten Gewissheiten“. „Wir erkennen, dass der Ort, an dem wir unsere Zelte aufgeschlagen haben, nicht der Nabel der Welt ist. Unser Geist kommt in Bewegung, und wir spüren, dass wir lebendig sind“, so die Journalistin und frühere Ehefrau von Ernest Hemingway, Martha Gellhorn.

Manche Berichte erinnern daran, dass die meisten Reisen früher aus der Not geboren wurden: Es ging darum, anderes fruchtbareres Land zu finden, auch: zu fliehen. Die überraschende Aktualität vieler Texte ist kaum zu übersehen. Auch wenn es heute das Phänomen des Massentourismus gibt und der komfortgewöhnte Durchschnitts-Tourist keine Reise ohne Rückticket antreten muss: Der Aufbruch aus der Not als zentrales Reisemovens hat im Jahr 2015 nochmals an Bedeutung gewonnen und so viele Flüchtlinge hervorgebracht wie in keinem anderen Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Gleichzeitigkeit von nacktem Elend und schierem Überfluss begegnet einem gerade auf Reisen auf bedrückende Weise, nicht nur im fernen Indien oder in Afrika: Während im Mittelmehr Menschen ertrinken, sind auf dem gleichen Gewässer andere im Luxusliner unterwegs.

Eines ist sicher: Die Geschichte des Reisens wird fortgeschrieben werden, unter anderen von denen, die jetzt gerade, heute, eine Reise ins Ungewisse unternehmen.

Rainer Wieland: „Das Buch des Reisens. Von den Seefahrern der Antike zu den Abenteurern unserer Zeit“, Propyläen, Berlin 2015, 496 S., 48 Euro