Good-bye-Tour

Die Puhdys feiern in Berlin einen Abschied auf Raten

Es sollte das letzte Konzert der Puhdys sein. Es wurde eine Vorstellung der Nachkommen - und ein großes Finale mit begeisterten Fans.

Dieter «Quaster» Hertrampf (l) und dessen Tochter Kimmy

Dieter «Quaster» Hertrampf (l) und dessen Tochter Kimmy

Foto: Jörg Carstensen / dpa/picture alliance

Es war ein großes, aber auch eigenartiges Finale aus hämmerndem Rock, mitgesungenen Hits aus uralten Zeiten, einem Stück heiler Familienshow und viel unterdrückter Melancholie. Zum Abschiedskonzert der Puhdys kamen am Sonnabend 11.500 Zuhörer in die bestuhlte, ausverkaufte Mercedes Benz Arena. Die Band, die im November 1969 in Freiberg erstmals zum Tanz aufgespielt hatte, hat sich damit im Rahmen ihrer "Good-bye-Tour" höchst offiziell zurückgezogen.

Aber man darf ihnen das nicht glauben. Die Puhdys sind wie eine große Diva, die von der Bühne nicht loslassen wird, so lange ihr jemand zujubelt. Genau genommen hat ihr Abschied nämlich schon 1989 begonnen. Damals hatte Keyboarder Peter Meyer mir einmal die Gründe fürs Aufhören und ihre weiteren Pläne erklärt. Das Interview erschien am 11. Mai 1989, zwei Tage später fand das erste Abschiedskonzert auf dem Bebelplatz statt - beim Pfingsttreffen der FDJ. Ein halbes Jahr später fiel die Mauer.

Das Konzert vor gut 26 Jahren war der erste Versuch des Abschiednehmens. Die Puhdys sind inzwischen eine anachronistische Band geworden, einerseits werden sie als die populärste Band der früheren DDR grenzenlos verehrt, andererseits haben sie bereits die längere Zeit im wiedervereinten Deutschland musiziert. Die Puhdys verkörpern wie kaum eine andere Band deutschen Zeitgeist, den des Übergangs, des sich Einfindens. Mag sein, dass viele im Osten an den Puhdys festhalten, weil sie bewiesen, dass doch nicht alles schlecht war. Mag sein, dass viele ihre Texte und ihren bodenständigen Rock als Lebensbegleiter empfinden. Bis heute. Und deshalb in der Benz Arena mehr oder weniger jeden Titel mitsingen können.

"Die Legende von Paul und Paula"

Ein Hit kommt bereits früh in dem gut dreistündigen Programm. „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen" grölt der Saal. Sänger Dieter „Maschine" Birr fragt, ob man sich noch an den Film „Die Legende von Paul und Paula" erinnern könne? Es wird gejubelt. Birr zeigt sich etwas irritiert, weil doch alle so jung aussehen im Publikum. Die fünf Puhdys sind selbst zwischen 61 und 75 Jahre alt. In dem Interview von 1989 hatte Keyboarder Meyer über diese Filmmusik gesprochen, die für eine Bettszene gedacht war. Es gab allerhand Briefe von Leuten, so Meyer, die uns das übelnahmen. "Briefe" sagte er damals. Heute gäbe es, wenn überhaupt, einen Shitstorm für den kleinen Drachen.

„Es ist keine Ente. Wir spielen bis zur Rockerrente" singt der Saal später. Im Interview 26 Jahre zuvor hatte Meyer den Titel als einen Gag bezeichnet, als Reaktion auf „Fragen mancher Leute, zumeist älterer Jahrgänge". Tatsächlich war die Rockmusik in den 80er-Jahren in die Krise gekommen. Die ersten Rockrevoluzzer, die nicht längst an irgendwelchen Drogen dahingesiecht waren, kamen langsam in die Jahre. Longseller prägten bereits den Markt, die Zeit der Wiederholung und kurzlebiger Hits war angebrochen. Obendrein mussten die Livebands der internationalen Diskowelle standhalten.

60 Prozent der Hits aus dem Osten

Ende der 70er-Jahre hatte ich zeitweilig eine Lizenz als staatlich zugelassener Schallplattenunterhalter, was man heute kurz DJ nennt. Es gab strenge Auflagen, unter anderem mussten 60 Prozent der gespielten Titel aus dem Ostblock stammen, die restlichen 40 Prozent durften Westmusik sein, die angeblich Devisen kosten würden. Die Mischung war praktisch nicht zu schaffen, die Leute wären weggerannt. Die Puhdys konnten mit Hits wie „Alt wie ein Baum", „Wenn ein Mensch lebt" oder „Lebenszeit" einige Titel beisteuern, die man in der ersten Stunde des Abends zum Aufwärmen spielen konnte. Ein paar Mädchen rannten immer zur Tanzfläche. Zu den ganz wenigen Diskothekenrennern damals zählten Karats Schmusetitel „Über sieben Brücken" und Citys schweißtreibendes „Am Fenster". Aber da die Puhdys die meisten Amiga-Platten am Markt hatte, trugen wir DJs brav ihre Titel reihenweise in die behördlich geforderten Spiellisten ein. Die Band muss gut daran verdient haben.

Zu DDR-Zeiten waren die Puhdys zunehmend ein Exportprodukt auch für den Westen geworden, ähnlich dem Gewandhausorchester unter Stardirigent Kurt Masur. Beides waren kleine kapitalistische Inseln in der sozialistischen Planwirtschaft. Ende der 80er-Jahre hatten die Puhdys -- wie die anderen staatlich hofierten Vorzeigebands auch -- ein gewisses Glaubwürdigkeitsproblem unter ihren Anhängern. Rückblickend war es eine kluge Entscheidung, sich zeitweilig von der Bühne zurückzuziehen. Die DDR war in einen Dämmerzustand verfallen, da passte auch ihr lebensbejahender Rock, der immer wieder Frieden, die Freundschaft, die Weisheit des Alterns beschwor, nicht mehr hinein.

Bell, Book & Candle als Erbengeneration

Peter Meyer versicherte damals, man wolle sich mehr um Nachwuchsbands kümmern. Er nannte Rosalili, eine Popband, die sich aber nur fünf Jahre gehalten hat. In ihr spielten zwei Puhdy-Zöglinge mit. Die familiäre Nachfolgeband heißt Bell, Book & Candle, die Gründer Andy Birr und Hendrik Röder sind Söhne von Dieter Birr und Peter Meyer. Die Popband wird in der Abschiedsshow von den Puhdys wie die Erbengeneration vorgeführt. Frontfrau Jana Groß singt den eigenen Bandhit „Rescue me" und anschließend die „Rockerrente". Das hat überraschend viel Charme. Der frischere Musiziergeist macht andererseits hörbar, dass die Puhdys doch schon in die Jahre gekommen sind.

Die bedächtige Präsentation der Nachkommen will an diesem Abend kaum enden, irgendwann bringt man die ganzen Kinder und Enkel auf der Bühne durcheinander. Dieter „Quaster" Hertrampf singt mit seiner Tochter Kimberly, Dieter Birr gleich noch mit seiner Enkelin Annabell. Irgendwann dreschen vier Schlagzeuger, die oberhalb von Klaus Scharfschwerdt sitzen, auf ihre Instrumente ein. Sie werden allesamt als Puhdy-Nachfahren vorgestellt. Offenbar haben die Alt-Puhdys als musikalische DNA vor allem den Rhythmus weiter gegeben. Der Gesang, die teilweise poetischen Texte, sind zweitrangig geworden. Es erklärt vielleicht auch, warum Dieter Birr lieber sein Publikum die alten Hits singen lässt. Und sich selbst auffällig zurück hält.

Am Ende gibt es eine Zugabe nach der anderen, das Publikum hört andächtig zu, will seine Idole kaum loslassen. Die Puhdys wollen also aufhören. Kürzlich erst ist Stardirigent Kurt Masur verstorben, ebenso Günter Schabowski, jener DDR-Politiker, der aus Versehen die sofortige Maueröffnung verkündete. Eine Generation verabschiedet sich. Die Puhdys haben typischerweise schon mal über ihre weitere Zukunft nachgedacht. Sie wollen jetzt zu Rock-Legenden werden. Unter dem Titel ziehen sie gemeinsam mit City und Karat durch die Hallen. In der Waldbühne sind sie am 28. Mai wieder zu erleben. Weiteres folgt.

Das Konzert wird am 13. Februar im MDR übertragen.