Literatur

Nachruhm interessierte William Shakespeare nicht

Vor 400 Jahren starb der bekannteste Dichter aller Zeiten. Seine Vorliebe für das Leben hat ihn unsterblich gemacht.

Vor 400 Jahren starb William Shakespeare,  am 23. April 1616

Vor 400 Jahren starb William Shakespeare, am 23. April 1616

Foto: dpa Picture-Alliance / The Print Collector / picture alliance / Heritage Imag

Im Jahre 1598 berichtete der Unternehmer Abraham Sturley aus Stratford upon Avon einem Freund von einer interessanten Entdeckung. Ihm sei zu Ohren gekommen, schreibt er in einem Brief, dass ein gewisser „Mr. Shaksper“ gerade einige Hektar Land in ihrer Gegend Englands kaufe. Für Sturley und seinen Freund stellte sich nun die Frage, wie man diesen wohlhabenden Mann davon überzeugen könne, auch in ihre Vorhaben zu investieren.

Falls sie ihr Ziel erreicht und wirklich Geld von Mr. Shaksper bekommen haben, kann das für die beiden Stratforder nicht ganz einfach gewesen sein. Denn der achtete sehr genau auf sein Vermögen. Er hatte zwar gerade erst eines der schönsten und größten Häuser in der Stadt gekauft und erwarb in den Folgejahren immer mehr von dem Grund, den es umgab, aber dennoch hielt ihn die Investition von mehr als 300 Pfund nicht davon ab, über einen Bruchteil von dieser Summe vor Gericht zu gehen. Auch darüber ist ein Dokument aus der Zeit erhalten geblieben. Es berichtet darüber, dass der wohlhabende Mann 35 Shilling und zehn Pence von Philip Rogers forderte. Er hatte Rogers Malz verkauft, mit dem dieser Bier braute.

Sein letztes großes Drama wurde 1611 in London uraufgeführt

„Mr. Shaksper“ mag viel Grund und viel Geld besessen haben, aber er ging nicht als Landbesitzer in die Geschichte ein und schon gar nicht als Geschäftsmann und oder Getreidehändler. Der reiche Mann, von dem Abraham Sturley schreibt, ist William Shakespeare. Jemand, von dem man ohne Übertreibung sagen kann, dass er der bekannteste Dichter aller Zeiten ist. Am 23. April 1616, verstarb Shakespeare in seiner Geburtsstadt Stratford-upon-Avon. London, die Stätte seiner großen Triumphe, hatte er da längst wieder verlassen. Er hatte noch ein Haus dort und fuhr gelegentlich auch wieder hin, aber doch zog er Stratford vor. Seinen Umzug dorthin hatte er lange geplant. Sein letztes großes Drama war 1611 in London uraufgeführt worden. Bis zu seinem Tode hatte er zwar immer noch mit anderen Autoren an Werken geschrieben, aber kein eigenes Stück mehr verfasst.

Veröffentlicht hat er ohnehin nicht besonders viel. 1593, als er längst ein gefragter Theaterautor war, erschienen die epischen Dichtungen „Venus und Adonis“ sowie „Lucretia“, ein kurzer Versuch, sich zur Londoner Dichterelite zu gesellen, und 1609 seine Sonette. Seine Dramen aber wurden erst nach seinem Tode veröffentlicht. Sie selbst auf den Markt zu bringen, so dumm war Shakespeare nicht, sonst hätte ja eine andere Theatergruppe einfach seine Ideen klauen können. Urheberrechte lagen seinerzeit nur beim Drucker, nicht beim Verfasser.

Shakespare kaufte lieber Land und Häuser und ein Familienwappen

Doch das Schicksal des alternden, vergessenen oder gar verarmten Künstler ist ihm erspart geblieben. Als Shakespeare starb war er ein berühmter Autor, und das hat sich bis heute gehalten. Unzählige Institutionen arbeiten weiter am Ruhm des frühneuzeitlichen Dramatikers. Die Royal Shakespeare Company, der Shakespeares Birthplace Trust, das Londoner Shakespeare Centre und das Shakespeare’s Globe, das nach elisabethanischem Vorbild errichtete Theater an der Themse, das von Touristen aus der ganzen Welt besucht. Auch in Deutschland gibt es Theatergruppen, die sich ganz seinem Werk verschrieben haben, es gibt ein Globe Theatre in Neuss, eine Shakespeare Company in Berlin und eine in Bremen, und nicht zuletzt ist eine der ältesten literarischen Gesellschaften überhaupt: die deutsche Shakespeare Gesellschaft mit Sitz in Weimar und Bochum und über 2000 Mitgliedern. Der einzige, der nicht an Shakespeares Nachruhm interessiert war, so scheint es, ist William Shakespeare selbst. Der kaufte lieber Land und Häuser und ein Familienwappen, das man seinerzeit noch seinem Vater, dem Handschuhmacher John Shakespeare, verwehrt hatte. Als er mit 46 Jahren zurück nach Stratford zog, schein sein Interesse am irdischen deutlich größer als am Jenseitigen.

Shakespeare, könnte man sagen, interessiert sich eben mehr für das Leben. Stephen Greenblatt, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Shakespeare Forscher geht in seiner Biographie „Will in der Welt. Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde“ sogar so weit zu vermuten, dass sich Shakespeare am Ende seines Lebens nur noch dafür interessierte bei seiner Tochter, seinem Schwiegersohn und seinem Enkelkind zu sein. Greenblatt dichtet ihm ein Ende im latent melancholischen Rückzug zu, in dem ihn das Familienglück alleine reicht. Vielleicht ist es aber genau diese Vorliebe für das Leben , die auch sein Werk so unvergleichlich unsterblich macht, diese Hinwendung zum Menschlichen. Paradoxerweise hat sie anscheinend dazu beigetragen, dass er unvergessen ist.

Shakespeare war nie weg

Bei vielen Autoren wäre ein Jubiläum, und noch dazu so ein großes, ein Anlass, sie wieder und neu zu entdecken. Bei Shakespeare ist das nicht möglich, er war nie weg. Er ist permanent im Repertoire. In Berlin zum Beispiel kann man im Januar an allen großen Bühnen Shakespeare sehen: An der Schaubühne steht „Richard III.“ auf dem Programm, am Berliner Ensemble spielen sie „Zwei Herren von Verona“, und am Deutschen Theater „Romeo und Julia“. 38 Komödien, Tragödien und Historienstücke werden Shakespeare zugeschrieben, nur die wenigsten davon hat man vergessen.

Und dennoch wird das Jubiläum als dankbarer Anlass genommen, den Dichter zu feiern. 2016 ist das „Shakespeare Jahr“. In Stratford-upon-Avon und in London kommen Wissenschaftler und Verehrer aus aller Welt zu Vorträgen und Aufführungen zu „Shakespeare400“ zusammen. Das ganze Jahr über läuft die Kampagne „Shakespeare Lives“ vom British Council, die Shakespeare in der Forschung, im Film, in der Literatur weltweit präsentiert. Shakespeare eignet sich hervorragend fürs Marketing. Irgendjemand wird sicher auch einen Shakespeare Kochkurs veranstalten, Malen nach Shakespeare, Flirten mit dem Barden, Grenzen gibt es keine. Wer sollte sie setzen? Shakespeare gehört allen.

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