Atelierbesuch

Künstlerduo Römer + Römer: Malen mit Tausend Pünktchen

Kunst aus dem Geist der digitalen Welt: Das Künstlerduo Römer + Römer steht gemeinsam an der Leinwand. Ein Atelierbesuch in Kreuzberg.

Ziemlich große Formate: Das  Künstlerduo Nina und Torsten Römer im gemeinsamen  Atelier in Kreuzberg

Ziemlich große Formate: Das Künstlerduo Nina und Torsten Römer im gemeinsamen Atelier in Kreuzberg

Foto: Frank Lehmann

Künstlerpaare gibt es viele. Christo und Jeanne-Claude waren eins, Gilbert & George arbeiten und leben in London auch seit Jahrzehnten zusammen. Aber wie malt man eigentlich als Ehepaar an einer Leinwand? Wo fängt man da an, wenn man sich Römer + Römer nennt? Sie, Nina Römer, 37, steht links, er, Torsten, 47, rechts. Oft nehmen sie Leitern, um die große Bildfläche drei, manchmal sieben Meter lang, gut zu erreichen. Mit dem Rahmen lehnt sie an der Atelierwand. Jeder der beiden hat einen Pinsel in der Hand, gleiche Größe, damit die Technik stimmt. „Das geht gut!“, sagt Nina Römer.

Der gemalte Ferienkommunismus im Mecklenburgischen

Man darf sich das in ihrem Atelier in einer ausgedienten Fabrikhalle für Armaturen nahe des Moritzplatzes durchaus als eine Variante der Meditation vorstellen. Pünktchen an Pünktchen, Öl auf Leinwand, meterweise, das verlangt Konzentration. Viel dunkles Grün, helles mittendrin für die Rasenfläche, Violet für den Sputnik, ein sanftes Gelb für die untergehende Sonne. Von weitem sieht das aus wie ein überdimensioniertes Pixelbild aus dem Computer.

Kunsthistoriker erinnert das wohl eher an die großen Impressionisten, die einst mit Palette und Staffelei hinaus in die Natur zogen. Luft und Licht – das gehörte zu ihrer Malerei. Bei Römer + Römer liegt das etwas anders, als Vorlage dient dem russisch-deutschen Duo nämlich immer ein Foto. Wie auf einem Display kann man die Bilder der beiden Berliner dann auch „zoomen“.

Vor der Malerei kommt immer die Fotografie. Beide ziehen los, jeder von ihnen hat seine Kamera in der Hand. Gleiches Motiv, unterschiedliche Perspektiven. Später am Tag sitzen sie dann vor ihren Computern, sichten die Aufnahmen und treffen gemeinsam eine Auswahl. „Das ist dann schon ein großer Teil unserer Arbeit“, erzählt Nina Römer.

Eine Serie hat die beiden über mehrere Jahr beschäftigt, die Aufnahmen vom Fusion-Festival, das jährlich auf einem ehemaligen russischen Militärflugplatz in Lärz im Mecklenburgischen stattfindet. Eine Art veganer, werbefreier „Ferienkommunismus“, musikalisch ein alternativer Satellit, auf dem viele Clubs der Hauptstadt vertreten sind. Sommer-Hedonismus pur: Musik. Tanz. Performance. Lichtgewitter. Pillen. Rausch.

Die Nacht wird zum Designer

Drei Jahre hintereinander waren die Berliner dabei, haben die Nacht zum Tag gemacht, die Kamera immer im Anschlag. Junge Männer und Frauen beim Tanzen („Tanzmeer“), beim Umarmen, beim Musikhören („Generalstreik“), Trinken, was man eben so macht auf einem Festival, das nicht weniger als den Weltfrieden will. Die Nacht wird zum Designer. Die Techno-Kultur, das artifizielle Stroboskoplicht, der Rausch, das Gruppengefühl – all das entspricht der Ästhetik der Bilder von Römer & Römer. Es gibt dabei Hoch- und extreme Querformate. Auf der Biennale in Venedig haben sie ihre Arbeiten dieses Jahr gezeigt, in ihrer Galerie Michael Schultz in Charlottenburg („Wo ist eigentlich gestern“), zuletzt im Haus am Lützowplatz.

Kennengelernt haben sie sich bei A. R. Penck – dem Maestro der Strichmännchen – an der Düsseldorfer Kunstakademie, beide haben den Meisterschüler bei ihm gemacht. 17 Jahre sind sie nun im Leben wie in der Kunst schon ein Duo. „Bald volljährig“, lacht Nina Römer, die aus Moskau kommt. Im Milleniumjahr kamen sie nach Berlin, weil es alle Künstler nach Berlin zog.

Damals kostete ihr Atelier-Quadratmeter um die fünf Euro, jetzt sind es über neun Euro, 2016 will ihr Vermieter die Studios auf dem „Aqua“-Areal auf 13 Euro erhöhen. Bei 100 Quadratemetern lässt sich das nicht mehr so einfach finanzieren. So ändert sich Berlin für viele. Einige ihre Kunstkollegen seien schon nach Hohenschönhausen gezogen, in ein ehemaliges Quartier der Stasi, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schwer erreichbar. Vielleicht suchen sie sich auch bald etwas anderes.

Malerei, die vom Aufschwung der Medien lebt

Die Diskussionen um die Malerei verfolgen beide. Klar, die gibt es schließlich alle Jahre wieder. Die Jungen Wilden, die Neue Leipziger Schule, es wiederholt sich und es gibt immer Modewellen, meint Torsten Römer. Die beiden haben zwischendurch aufgehört zu malen, haben Performances gemacht und Installationen gezeigt. Zur Malerei kamen die beiden zurück, als die digitalen Medien ihren Aufschwung erlebten. „Wir hatten die Idee, die digitalen Bilder zurückzuführen in die Malerei“, erklärt Nina Römer. Wobei wir am Schluss nur das gemalte Bild sehen, das von weitem aussieht wie ein übergroßes Pixelbild. Mit dem Fusion-Festival jedenfalls sind sie noch nicht am Ende.

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