Kultur

Desirée Nick wird Chefdompteuse an der Komischen Oper

Barrie Kosky zeigt Kalmans Operette„Die Zirkusprinzessin“

Jetzt singt sie auch noch. Desirée Nick hat schon im Renaissance-Theater Florence Foster Jenkins gespielt. Aber das passte ja: Eine Frau, die Opern singen wollte, ohne es zu können. Jetzt aber spielt die Berliner Entertainerin an der Komischen Oper in „Die Zirkusprinzessin“. Sie bekennt gleich, dass sie „keine Angst vor dem hohen C“ hat. Und beweist das gleich mit einer Einlage, ausgerechnet die „Königin der Nacht“. Nein, Angst vor dem hohen C hat sie wirklich nicht. Treffen tut sie es aber dennoch nicht.

Es darf trotzdem Entwarnung gegeben werden. Die Komische Oper spielt die Kalman-Operette nur konzertant. Halbszenisch. Oder irgendwas dazwischen. Die Sänger treten im Kostüm auf, sie agieren dabei auch gut gelaunt miteinander. Also viertelszenisch. Die Musik wird komplett gespielt. Aber die Spielszenen dazwischen lässt man aus. Dafür ist Desiree Nick zuständig.

Sie kommt als Zirkusconferencière auf die Bühne, in Fantasieuniform, wie einst Marlène Charell bei „Stars in der Manege“. Sie schwingt lüstern eine Reitgerte. Hält uns bei Laune. Kündigt mit ironischem Goldwimpernklimpern vollmundig die einzelnen Nummern an. Eine Mischung zwischen Marktschreier und Nummerngirl. „Sie werden lachen, Sie werden weinen, Sie werden vor Rührung in die Hosen machen“, preist sie am Anfang. Sie kommentiert dann, wie gerade so gesungen wurde. Und macht auch vor Publikumsbeschimpfung nicht halt: „Sie werden mir doch nicht erzählen wollen, dass Sie mit einem Operetten-Libretto von Kalman intellektuell überfordert sind.“

Der Operette bekommt diese Art der Präsentation überraschend gut. Es ist ja doch eine sehr krud zusammengeschriebene Geschichte zwischen Zirkusmanege und Belle Epoque, von einem Fürsten, der sich in die Frau seines Onkels verliebt, deshalb enterbt wird, untertaucht und als maskierter „Mr. X“ im Zirkus auftritt. Nur um hier seiner inzwischen verwitweten Liebe wiederzubegegnen. Er heiratet sie unter falschen Vorzeichen. Bis sie herausbekommt, dass ihr Gatte ein Akrobat ist und sie also – Skandal! – eine Zirkusprinzessin.

Über so etwas regt sich heute kein Mensch mehr auf. Es ist ganz gut, wenn man das ein bisschen anders aufpeppt. Also nix Bühnenbild, das Orchester selbst sitzt auf der Bühne, mitsamt dem Chor. Eine Zirkuskapelle obendrein im zweiten Rang. Die Musiker haben unter dem Dirigenten und Kalman-Spezialisten Stefan Soltesz sichtlich Spaß an den alten Weisen. Und Alexandra Reinprecht und Zoltán Nyári schlagen sich wacker und stimmsicher als Fürstin und Mister X. Wohingegen Julia Giebel und Peter Renz als zweites Buffo-Pärchen deutlich dahinter zurückbleiben und unter dem einmal nicht vom Orchestergraben gedämpften Musikerklang kaum durchkommen.

Der Abend kippt sowieso in Schräglage. Frau Nick hat als einzige ein Mikro, ist daher im Gegensatz zu den Sängern, zu denen als Fünfter noch Ivan Tursic hinzukommt, immer gut zu hören. Und überhaupt scheint der ganze Abend nur der Anlass für ihre lasziv-schlüpfrigen Zwischen-Conférencen. Dass Frau Nick wirklich alles macht, um im Rampenlicht zu stehen, das wissen wir nicht erst seit dem „Dschungelcamp“. Nach anderthalb Stunden bekennt sie, eine „Teilzeitoperettenkoloratursoubrette“ zu sein. Und singt eine Arie. Auch wenn die nicht von Kalman ist, sondern von Johann Strauß: „Mein Herr Marquis“ aus der „Fledermaus“. Die Dschungelqueen hat sich zur Chefdompteuse an der Behrenstraße hochgekämpft. Das nötigt Respekt ab. Auch wenn man am Ende doch nicht vor Rührung in die Hose gemacht hat.

Komische Oper, Behrenstr. 55–57, Mitte. Tel: 20260370. Noch einmal am 30.12.