Klassik-kritik

Tugan Sokhiev bringt klassisches Repertoire auf Trab

Der russische Dirigent verlässt das DSO in der nächsten Saison

Obwohl es viele jüngere, talentierte Dirigenten gibt, verfügen nur wenige über die wichtige Fähigkeit, die alten Schlachtrösser des klassischen Repertoires auf Trab zu bringen. Tugan Sokhiev, 38, gehört zu diesen wenigen – und umso mehr ist seine Entscheidung zu bedauern, das Deutsche Symphonie Orchester Berlin in der kommenden Saison wieder zu verlassen. Der russische Dirigent war dann vier Jahre lang Chef­dirigent in Berlin, sein Nachfolger, der 32-jährige Brite Robin Ticciati, ist bereits benannt. In der Philharmonie vermittelt Tugan Sokhiev in seinem aktuellen Programm mit Brahms und Schostakowitsch wieder einmal das Gefühl von Neuentdeckung, ein Gefühl, das die Orchestermusiker wie auch das Publikum mitträgt.

In Brahms' Zweitem Klavierkonzert gelingt ihm eine routinierte Partnerschaft mit dem Solisten und regelmäßigen DSO-Gast Emanuel Ax. Erst voller Sanftheit, dann zugespitzt erklingt das Klavier in den einleitenden Takten. Das Orchester schmiegt sich feinsinnig an. Ax bevorzugt große Bögen in den schnellen Läufen. Im zweiten langsamen Satz, dem Allegro appassionato, ist die Kommunikation mit Sokhiev immer noch mühelos. Aber die Tempi des Solisten sind so elastisch, dass er manchmal selber nicht zu wissen scheint, wie die Phrasen enden werden. Auf der letzten Strecke wirkt der Solist plötzlich hochkonzentriert. Er bewegt seinen Kopf zum Rhythmus im Orchester, dann lässt er seine Finger über die Tastatur perlen. Das ist beeindruckend.

Ebenso verzaubernd ist es, wie er das Orchester mit zartem Triller im dritten Satz begleitet. Im finalen Allegretto grazioso offenbart der 66-Jährige eine fast kindliche Spielfreude. Noch mehr in seinem Element wirkt Ax in der Zugabe von Schumanns Fantasiestück Nr. 1 für Violoncello und Klavier, in welchem der DSO-Solocellist Mischa Meyer mit sattem Ton über seine feine Begleitung singt. Die beiden Künstler sind miteinander vertraut, sie haben gemeinsam auch ein Konzert für Flüchtlinge im Flughafen Tempelhof gegeben.

Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 12 erklingt nach der Pause. Es ist ein Werk, das ein anderes Gesicht des Komponisten zeigt, als man es aus der siebten, der berühmten "Leningrader", oder der elften Symphonie "Das Jahr 1905" kennt. Eine gewisse Passion fehlt. In eher akademischer Art und Weise wird das Hauptthema der Zwölften wie ein Leitmotiv entwickelt, als würde Schostakowitsch für einen seiner verhassten Filmaufträge komponieren. Sokhiev dagegen arbeitet am Pult jedes Instrumentaldetail heraus, vom neckischen Fagott im ersten Satz bis hin zu den gespenstig gezupften Streichern, die den Übergang in den dritten Satz "Aurora" schaffen.

Lenin und der Oktoberrevolution hat der Komponist seine Symphonie "Das Jahr 1917" gewidmet. Ganz militärisch gibt sich das Orchester bei der Erstürmung des Winterpalais, bevor die Hörner die Menschlichkeit wieder herstellen. Tugan Sokhiev hält die Stimmung derart lebendig, dass man in den ­geschmeidigen Streichern und prächtigen Bläsern des DSO geradezu mitschwelgen kann.

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