Kultur

Klimaforscher Schellnhuber ergreift Partei

In seinem Buch erklärt er den Weg zum „Gewissenschaftler“

„Am 25. Februar 2010 starb meine Mutter.“ Der Klimaforscher und Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber, beginnt mit diesem Satz sein neues Buch „Selbstverbrennung – Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff“. Angesichts der Beerdigung im niederbayrischen Ortenburg kommen Kindheitsbilder über eine ländliche Welt und das eintretende Wirtschaftswunder hoch: „Das spottbillige Erdöl schwappte bis nach Niederbayern.“ Es entstanden Gebäude „zeitloser Hässlichkeit“ wie Tankstellen, Autowerkstätten, Zementfabriken und Läden, die rund um die Uhr geöffnet haben.

Teilweise „groteske Dramaturgie“ auf den UN-Klimakonferenzen

Schellnhuber (65) stellt infrage, ob es uns heute so viel besser geht als unseren Großeltern und weiß zugleich, dass er nicht zur Welt der Vorfahren zurückkehren möchte. Vielmehr möchte er in seinem Buch aufzeigen, wie der moderne Mensch die verbliebene Schönheit der Landschaft und ihr Leben erhalten kann. 2010, auch unter dem Eindruck des im Vorjahr weitgehend gescheiterten Klimagipfels von Kopenhagen, beginnt Schellnhuber, an dem Buch zu schreiben.

Der Forscher erzählt vom „Gottes Element“ Kohlenstoff. Es steckt im Stein der von ihm bewunderten Pietà Michelangelos im Petersdom, im neuartigen Material Graphen, aber auch in Krebsmedikamenten. Er beschreibt, wie die Erdöllager durch das Absinken von Meereslebewesen entstanden sind, und dass der Mensch derzeit pro Jahr die Menge an Erdöl verbrennt, die in fünf Millionen Jahren entstanden ist. „Somit feiern wir unsere Konsumfeste auf dem geologischen Friedhof der Evolution.“

Selbstverständlich erfährt der Leser nahezu alles über die Klimaforschung und auch, welche Sicherheiten sie bereits erlangt hat und wo noch Unsicherheiten liegen. Eine Forschungslücke sieht Schellnhuber noch darin, mögliche Vorteile der Erderwärmung aufzuzeigen – auch wenn seiner Meinung nach die Nachteile weit größer sein werden. Als langjähriger Berater der Bundesregierung schreibt er zudem ebenso erfahrungsreich wie amüsant über die teilweise „groteske Dramaturgie“ auf den UN-Klimakonferenzen, wo er immer mal wieder ist.

Der Titel „Selbstverbrennung“ steht laut Schellnhuber für die „kollektive Torheit“, mit der die Zivilisation starrsinnig auf ein drohendes Desaster zusteuere. Das Wort steht zudem für etwas ganz Persönliches: Schellnhuber verlässt die reine Forschersicht. Das Buch ist „teils eine Autobiografie“, wie er nach dessen Erscheinen sagte. „Meine Entscheidung besteht darin, nunmehr endgültig Partei zu ergreifen – gegen eine gesellschaftliche Betriebsweise, welche die natürlichen Lebensgrundlagen unweigerlich zerstören wird.“ Er als Wissenschaftler sei auch ein „Gewissenschaftler“, und er wolle sein Wissen mit all jenen teilen, in deren Macht es stehe, den Klimawandel zu stoppen.

Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung – Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff, C. Bertelsmann Verlag, 784 Seiten,
29,99 Euro