Kultur

Willkommen im Zirkus Piaf

Grandioser Abend: Katharine Mehrling singt Edith Piaf, 60 Musiker sind dabei

Das hat man auch nicht alle Tage, dass ein Star nicht nur sein Publikum berührt, sondern diese Rührung auch andersherum funktioniert. "Sie können sich gar nicht vorstellen", sagt Katharine Mehrling am Ende ihres grandiosen Edith-Piaf-Programms in der Komischen Oper, "wie viel mir dieser Abend bedeutet." Ganz bescheiden steht sie da. Und man sieht ihr an, dass das keine wohleinstudierte Höflichkeitsphrase ist, sondern echt von Herzen kommt.

Die Mehrling, könnte man meinen, sollte das gewohnt sein. Sie hat sich vom Geheimtipp zum Berliner Bühnenstar gemausert, ist gerade erst mit ihrem zweiten Goldenen Vorhang ausgezeichnet worden und brilliert derzeit an der Komischen Oper in "Ball im Savoy" und "My Fair Lady". Aber jetzt hat ihr dieses Opernhaus noch mal einen riesigen roten Teppich ausgerollt: ein Solo-Abend zum 100. Geburtstag von Edith Piaf. Der Spatz von Paris ist ihr erklärtes Vorbild, ihr Leib- und Magenthema, die Mehrling hat sie schon in Pam Gems' "Piaf"-Stück verkörpert und ihre Lieder in ihrem Programm "Piaf au Bar" besungen. Aber diesmal unterstützen sie rund 60 Musiker des Hauses, und Dirigent Enrique Ugarte hat all die Klassiker für großes Orchester umarrangiert. So üppig, so bombastisch kennt man Piaf-Chansons höchstens von deren eigenen legendären Auftritten im Pariser Olympia.

Als erstes wird "La fête continue" angestimmt, ein eher unbekannter Titel, mit dem das Orchester gleich voll aufdreht, dass es etwas Mitreißendes, ja Jahrmarktschreierisches hat: Willkommen im Zirkus Piaf! Dann der erste Klassiker, "L'accordéoniste", dazu legt sich der Dirigent, er ist Europameister auf diesem Instrument, ein Akkordeon um, beginnt mit einem feinen Solo und vollbringt dann die hohe Kunst, mit dem doch eher unhandlichen Gerät auch zu dirigieren. Harfe, Klavier, Glockenspiel und Becken kommen hinzu, überhaupt viel Percussion. Großes Tschingerassa.

Und dazu diese kleine zierliche Person! Fast muss man Angst haben, wie sie gegen diesen gewaltigen Klangkörper bestehen soll. Aber da ist die Mehrling ganz wie die Piaf. Woher auch immer sie das nimmt: Die Dame im langen, schwarzen Kleid singt souverän über den satten Sound hinweg. Mit einer Verruchtheit, die fast ein bisschen heiser klingt, als sei sie gleich ausgesungen. Aber dann holt sie doch aus zu unfassbaren Crescendi, die sie wie mit links bestreitet, Nummer um Nummer. Diese Frau hat keine Stimmbänder, sie hat Drahtseile in der Kehle.

Sie kommen alle, die Klassiker, die man aus dem Effeff kennt. Aber sie kommen alle anders. Das riesige Orchester überrascht immer wieder mit gewitzten Gags. Es verwandelt die sattsam bekannten Weisen zu großen sinfonischen Dramen, entrückt sie kurz ins Erhabene, um sie dann wider hochironisch zu brechen. "La foule" wird dabei fast zum Flamenco, "Le blonde et le brun" zu einem James-Bond-Score à la John Barry. Bei "Padam Padam" singt sich die Mehrling am Ende die Kehle aus dem Hals, dass man Gänsehaut bekommt. Und bei "Milord" verführt sie nicht nur, was ja naheliegt, einen Herrn in den vorderen Reihen, sie wickelt das ganze Publikum um den Finger und animiert es dazu, lauthals "Lala-lala lala" mitzuträllern. Die Musiker übrigens auch.

Ein Abend, der von einem Höhepunkt zum nächsten kommt und alle mitnimmt. Auch die Sängerin selbst, die am Ende nicht nur den Dirigenten küssen muss, sondern auch gleich noch den Ersten Geiger. Nur noch einmal soll Katharine Mehrling den Abend wiederholen, punktgenau zum 100. Geburtstag am 19. Dezember, dann auch in Gegenwart des legendären Piaf-Komponisten Charles Dumont. Und das soll es gewesen sein? Dafür hat das Orchester so lange geprobt? Das wäre die reine Verschwendung. Der Abend ist viel zu großartig, als dass er nicht zwingend wiederholt werden müsste.

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