Kultur

Das Lied ist ein Hit, haben sie gedacht

Immer kurz vor dem Durchbruch: Der mühsame Weg der Berliner Band 3viertelelf zum Erfolg

Sie sagen das, was viele sagen. Sie wollen Musik machen, wollen Frohsinn und Euphorie verbreiten. Angela Maria Peltner, Christian Hering, Lars Hengmith und Philipp Schulz aus Berlin wollen Pop sein, also Musik im Prinzip für jeden, aber faktisch dann eben doch niemals für alle. Sie sind über 30, sie nennen sich 3viertelelf. Sie sind eine Band von vielen, denn, so sagen sie, wenn sie alle Bands, die sie in ihrem Leben bisher hatten, zusammenrechnen, dann kommen sie auf 40.

40 Bands, das waren fast 40 Träume, gehört zu werden, manche Bands aber, sagen sie, waren nur Auftragsprojekte, Coverbands zum Beispiel. So spielen, wie viele andere Bands, die der Auftraggeber nicht bezahlen kann, das haben sie öfter gemacht.

Aber sie hatten auch mehrere eigene Bands. Angela Maria Peltner, die Sängerin, sagt, angefangen hat sie mit einer keltischen Band. Gälische Gesänge. Die sind super, findet sie, bequem zu singen, denn eigentlich kann man da singen, was man will. Ihr Bruder war Rocker, so richtig mit langen Haaren und Dauerwelle, er inspirierte sie, damals als Kind, sie sagt, es ist schon etwas her, da wollte sie Rockmusikerin sein, vielleicht ein bisschen so wie Doro Pesch, nur eben nicht blond. Sie sang also in Rockbands, bis ihr auffiel, dass ihre Stimme – ein schon süßes Glas Nena, in dem man noch ein paar Würfel Zucker aufgelöst hat – dazu gar nicht passte. Christian Hering, den Gitarristen, kennt sie seit Schulzeiten, er sagt früher, als er noch jünger war, war er wütend, also tobte er in Hardcore-Bands, spielte Musik, bei der geschrien und das Instrument rüde bearbeitet wird, irgendwann aber – es ist die Altersmilde – fand er diese Wut nicht mehr, er wurde sanfter zu den Saiten, begann ein Singer/Songwriter-Projekt, nannte sich NLSN. Angela Maria Peltner sagt, bei NLSN war sie auch dabei, sie hat das Glockenspiel gespielt.

Sie drehte sich über die Bühne, hüpfte, sang, charmierte

In ihrer Freizeit schrieb sie Gedichte, die einem Bekannten auffielen, der Schlagerproduzent war. Kurzum, er gründete eine Band um Angela Maria Peltner herum, die sie Angelas Park nannten, die zwar keine Schlager machte, aber eben auch keinen Doro-Pesch-Rock mehr. Sie fanden Philipp Schulz als Schlagzeuger, gemeinsam waren sie unterwegs als Support für Virgina Jetzt und gewannen Udo Lindenbergs Panikpreis, gingen mit ihm auf Tour und traten beim Bundesvision Song Contest auf. 2009 war das, sie belegten den letzten Platz. Noch im gleichen Jahr ging der Park wieder getrennte Wege.

Nun also ein weiterer Anfang. Neu. 3viertelelf. Das Beste aus Nelson und Angelas Park gründete sich auf einer „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“-internen Frühlingsparty. Die Soap ist Angela Maria Peltners Broterwerb, sie ist dort Dauerkomparsin. Sie kellnert im Serienclub. Die Seife spielende Belegschaft war begeistert von ihrem Lied „Cabrio“, ein Ohrwurmgemisch aus Elektropop so leicht wie Tüll, mit einem Unterrock aus Schlager. Es ist ein rein weiblich gesungenes Ich + Ich, das schön reimt: „Nur du und ich im Cabrio, einfach meilenweit weg … incognito.“ Der GZSZ-Schauspielkollege Philipp Christopher drehte ihnen ein Musikvideo dazu. Crowdfunding hat es ihnen bezahlt. Das Lied ist ein Hit, haben sie gedacht, sie wollten es wissen, traten auf bei der „FritzNacht der Talente“ im Admiralspalast. Angela Maria Peltner drehte sich wild wirbelnd über die Bühne, hüpfte, sang, charmierte – sie sagt, sie sei bestimmt auch eine sehr gute Animateurin – aber eine sehr junge Herrenband gewann die Applausabstimmung. Sie wurden Zweite.

Sie machten weiter. Gewannen eine Förderung des Berliner Musicboards. 10.000 Euro. Nun haben sie einen eignen Proberaum, quasi, sie teilen ihn sich mit zwei anderen Bands. Im Herbst traten sie wieder bei einem Contest an, dem Bundesvision Song Contest. „Mona Lisa“ heißt nun ihr Song. Vor dem Contest, sagt Angela Maria Peltner, hatte das dazugehörige Video 2000 Klicks, danach 42.000. Dieses Mal wurden sie nicht Letzter, auch nicht Vorletzer, sondern Drittletzte, sie sagen, das ist schon okay, sie waren die Unbekanntesten dort, da waren Musikermenschen der Stunde wie Lary und Namika und Mark Foster. Sie sagen, so ein Wettbewerb, der führt einem vor Augen, wie weit am Anfang man doch steht, immer noch steht, trotz EP, trotz Musikvideos und Medienpräsenz. Die Bühnenshows der bekannten Künstler dort, sagt Angela Maria Peltner, die kosten das, was andere für einen Kleinwagen ausgeben. Sie hatten nur eine Handfackel. Sie lachen. Sie wissen, um mit Musik Geld zu verdienen, muss man viel Geld ausgeben.

Lars Hengmith sagt, aber es sei schon möglich, nur als Musiker zu arbeiten, man dürfe halt nur nicht glauben, man sei „Frontmann fürs Leben“, man müsse vielseitig sein. So ist er nicht nur Keyboarder, sondern auch DJ, gibt Klavierunterricht und Videotutorials, die hat er auch mal gedreht. Christian Hering ist nebenbei Sozialarbeiter. Und Philipp Schulz, der Drummer, macht gerade eine Ausbildung zum Tonmeister. Ihre erste EP ist gerade erschienen, aber trotzdem schreiben sie jeden Tag, neben dem Alltag, neue Songs, einen etwa im Bus auf dem Handy. Man kann ihn noch nicht hören, aber er wird leicht klingen, sagen sie.

Sie sind Pop, der ins Formatradio will. Gerade spielten sie ihre erste Tour. Sie spielten im Vorprogramm der Berliner Band „The Love Bülow“. Es war ihre Abschiedstour. Eine Band geht, eine andere kommt. Vor und hinter der Bühne flossen ein paar Tränen. So eine Band kann was im Leben eines Menschen bewegen. 3viertelelf wissen das und wollen das. Dieses eine Mal, da wollen sie nicht aufhören, sondern weitermachen, bis alle sie hören.