Konzert-Kritik

Philippe Jaroussky: Schwach gestartet, starkes Finish

Der Franzose interpretiert spätbarocke Passionsmusik

Philippe Jaroussky kann wohl als experimentierfreudigster Countertenor der Gegenwart gelten. Der Franzose ist in der italienischen Oper des frühen 18. Jahrhunderts ebenso bewandert wie im französischen Chanson, als Wiederentdecker vernachlässigter impressionistischer Komponisten ebenso umtriebig wie als Jäger religiöser Barockschätze. Jarousskys neuestes Experiment: spätbarocke deutsche Passionsmusik zur Vorweihnachtszeit, dargeboten im Großen Saal des Konzerthauses.

„Das war mein erstes Konzert auf Deutsch in Deutschland“, erklärt er seinem Publikum hinterher. So wie es Jaroussky sagt, klingt es fast wie eine Entschuldigung. Und in der Tat wirkt sein gesungenes Deutsch an diesem Abend noch recht gewöhnungsbedürftig – ein stark französisch gefärbtes Deutsch mit sehr weichen Konsonanten und schwimmenden Vokalen.

Dass Jaroussky diesen Abend nutzt, um gleichermaßen für Bach und Telemann zu werben, ist ihm hoch anzurechnen. Von beiden Komponisten erklingen jeweils zwei Kantaten und eine Sinfonia. Und das Überraschende dabei: Telemann, der zu Lebzeiten viel erfolgreicher als Bach gewesen war, später aber als Vielschreiber in Verruf geriet – dieser Telemann kann durchaus mit seinem Eisenacher Kollegen mithalten. In der ersten Konzerthälfte triumphiert seine Passionskantate „Der am Ölberg zagende Jesus“ sogar über Bachs „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ BWV 170. Doch das hat vor allem interpretatorische Gründe: Jaroussky, der an diesem Abend vom Freiburger Barockorchester begleitet wird, braucht eine Weile, bis er zu großer Form und zu seinem betörend feinen Legato findet. Auch das Originalklang-Ensemble erwischt nicht den besten Start. Solide routiniert klingen die Musiker in der Bach-Kantate zunächst, mit üppig auffahrender Basso-continuo-Gruppe. Ein hochvirtuoser Organist und eine erdig warme Solo-Oboe-d’amore lenken mitunter von Jaroussky ab.

Leid und Schmerz des Heilands türmen sich in dieser Partitur

In Telemanns Kantate „Der am Ölberg zagende Jesus“ wirkt die Balance zwischen Jaroussky und dem Freiburger Orchester schon viel überzeugender. Der Countertenor klagt mit leuchtendem Diskant über tiefschwarzer Begleitung. Leid und Schmerz des Heilands türmen sich in dieser Partitur, bis am Ende doch die Zuversicht siegt. Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich renommierte Originalklang-Ensembles klingen können, obwohl sie aus ganz ähnlichen historischen Quellen zu schöpfen scheinen. Vor zwei Abenden saßen die Spezialisten des Zürchers Orchesters La Scintilla in der Philharmonie und verblüfften mit luftigem, fauchigem Espressivo. Das Freiburger Barockorchester musiziert im Konzerthaus nun im Stehen und pflegt eine grundgesunde, körperbetonte Klangästhetik.