Konzert in Berlin

Bei Motörhead startet der "Bomber" durch

Mit krachendem Rock begeistern Motörhead ihre Fans in Berlin. Die Band mag alt sein, man merkt es ihr aber nicht an.

Lemmy Kilmister, Bassist und Sänger der Band Motörhead

Lemmy Kilmister, Bassist und Sänger der Band Motörhead

Foto: Axel Heimken / dpa

Leibesvisitation. Die Kontrollen sind gründlich. Kräftige Männerhände tasten jeden einzelnen Besucher ab, bevor sie Einlass in die ausverkaufte Max-Schmeling-Halle gewähren. Nicht, dass das nicht schon früher bei Konzerten wie diesem der Fall gewesen wäre, doch nach Paris und Bataclan fällt das doch mehr auf. Harte Kerle in Lederkluft lassen die Ordner willfährig gewähren. Man zeigt Verständnis für die Sicherheitsmaßnahmen. Alle wollen an diesem Freitagabend schließlich das hart rockende britische Urgestein Motörhead erleben. Vielleicht ja zum letzten Mal, wird gemunkelt.

Daran glaubt allerdings keiner mehr so richtig, nachdem Motörhead gegen 21.20 Uhr die Bühne in Beschlag genommen haben. Sie knüppeln ihren beinharten Rock'n'Roll noch immer mit routinierter Bravour in die Halle. Sie machen ihrem Ruf, die lauteste Band überhaupt zu sein, nach wie vor alle Ehre. Sie scheren sich nicht um Alterserscheinungen, die haben im Rock'n'Roll schließlich auch nichts verloren.

Klar, Frontmann Lemmy Kilmister, der Heiligabend 70 Jahre alt wird, lebt seit einem Zusammenbruch auf offener Bühne vor zwei Jahren mit einem Herzschrittmacher, der ihn antreibt. Und das bereits für den 27. November geplante Berlin-Konzert musste wegen eines überraschenden Krankenhausaufenthalts von Gitarrist Phil Campbell, 54, um zwei Wochen verschoben werden. Umso energiegeladener geben sie sich aber nun auf der Bühne. Keine Atempause, die Zeichen stehen auf Angriff.

Propellermotoren, Suchscheinwerfer, Bomber

Propellermotoren röhren zu Beginn durch das Dunkel. Suchscheinwerfer schwanken durch die Halle. Glutrote Spots rotieren bedrohlich. Und aus dem Bühnenhimmel schwebt das riesige, illuminierte Gerippe eines Kampfflugzeugs auf und nieder. "Bomber" vom gleichnamigen, 1979 erschienenen Album steht diesmal am Anfang der Show. Seit vierzig Jahren ist Lemmy Kilmister inzwischen mit Motörhead unterwegs und so wird dieser Abend denn auch zu einer temporeichen Tour durch die Bandgeschichte.

Gitarrist Phil Campbell, der seit 1983 zu Motörhead gehört, drischt stählerne Riffs in die Saiten einer goldenen Flying-V-Gitarre. Der muskulös durchtrainierte Schlagzeuger Mikkey Dee, seit 1992 dabei, gibt mit wehender Mähne den vorwärtstreibenden Rhythmus vor, und Großmeister Lemmy spielt seinen schicken Rickenbacker-Bass mit gewohnt verzerrt brachialem Ton, während er die Songs ins Mikrofon keucht. Die Stimme scheint etwas kraftloser geworden, mitunter wird sie vom wuchtigen Bandgetöse einfach übertönt. Allerdings bietet die Akustik der Halle auch nicht gerade die besten Voraussetzungen für diesen phonstarken, schwermetallenen Rock'n'Roll.

Gitarre, Bass, Schlagzeug, Punkt

Motörhead sind eines der letzten großen Rock-Trios, dieser Idealbesetzung für eine Band. Gitarre, Bass, Schlagzeug. Punkt. Sie wirken in Zeiten von computergesteuerten High-Tech-Shows und schablonenhaftem Einwegpop geradezu wie ein Anachronismus . Und sie geben dem quer durch alle Altersgruppen gemischten Publikum, was es will. All die alten Kracher von "Stay Clean" über "Metropolis" bis zum 80er-Hit "Ace Of Spades" zum Finale. Und klar, bei "Doctor Rock" kommt auch wieder das unvermeidliche Schlagzeugsolo.

Gerade ist mit "Bad Magic" das 22. Album von Motörhead erschienen, von dem sie mit "When The Sky Comes Looking For You" zumindest ein Stück spielen. Wie zum Beweis, dass sie noch lange nicht am Ende sind. Diese Altherren-Mannschaft macht noch immer jede Menge Druck. Im Zugabenteil gibt es zur Überraschung den akustisch an der Bühnenrampe gespielten "Whorehouse Blues" mit Lemmy an der Mundharmonika und als Rausschmeißer startet der Bomber mit "Overkill" noch einmal durch. Die Masse tobt und ist festen Glaubens, dass dies vielleicht das letzte Konzert der aktuellen Tournee, aber noch lange nicht das letzte Konzert von Motörhead war.

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