Kultur

Ein Höllenritt: „Cop Town“ im Ausnahmezustand

Atlanta (US-Bundesstaat Georgia) in den 70-Jahren: In der Stadt herrscht Angst. Ein Unbekannter macht Jagd auf jene, die die Menschen beschützen sollen. Ein Polizist nach dem anderen wird umgebracht – auf eine Weise, die an eine Exekution erinnert. Wut und Unbehagen der Ordnungshüter sowie ihr Wunsch, den Mörder endlich zu fassen, sind maßlos. Einigen von ihnen scheint jedes Mittel recht zu sein, um einen Verdächtigen zu präsentieren. Reine Männersache. Frauen haben hier nichts zu suchen. Das ist die nahezu einhellige Meinung etlicher Cops – und denkbar schlechteste Voraussetzung für Kate Murphy, als sie ihren Dienst beim Police Department antritt.

„Cop Town“ heißt der neue Thriller der US-Amerikanerin Karin Slaughter („Bittere Wunden“). Und er ist ebenso hart wie gut und beleuchtet eine Zeit im Süden der Staaten, die von Sexismus, Rassismus und Homophobie geprägt ist. Für die hübsche, blonde Kate, die in einem wohlhabenden, behüteten Umfeld aufgewachsen ist, wird ihr erster Tag bei der Polizei zum Höllenritt. Nie zuvor wurde sie mit so viel Schmutz und Vorurteilen konfrontiert wie an jenem Montag, als sie versucht, in die Domäne der weißen Männer einzudringen.

Natürlich gibt es weibliche Polizisten, so wie Maggie Lawsen, deren Bruder Jimmy und ihr Onkel Terry ebenfalls beim PD arbeiten. Allerdings haben die Frauen längst ihre Illusionen begraben und versuchen lediglich, ihre untergeordnete Position so gut wie möglich auszufüllen und sich der sexuellen Übergriffe ihrer Kollegen mehr schlecht als recht zu erwehren.

Und doch sind es Kate und Maggie, die als erste eine Spur zu dem Polizistenkiller zu entdecken glauben. Ihre Bemühungen werden jedoch immer wieder ausgebremst, ja torpediert. Vor allem von Terry. Maggies Onkel und seine Freunde erweisen sich als Hauptwidersacher nicht nur der Frauen, sondern auch ihres schwarzen Chefs. Und natürlich kommt in ihren Augen nur ein Afroamerikaner als Mörder infrage. Sie starten eine Menschenjagd jenseits aller Legalität und schrecken vor keiner Brutalität – auch nicht an ihren Kolleginnen – zurück.

Karin Slaughter (Jahrgang 1971), dem deutschen Publikum durch ihre Thriller um die Rechtsmedizinerin Sara Linton und den Ermittler Will Trent bekannt, greift mit „Cop Town“ ein Thema auf, das aktueller nicht sein könnte. Immer wieder tauchen Videos auf, die von Polizeigewalt in den USA zeugen, vor allem gegen Schwarze. Kaum vorstellbar, um wie viel schwerer die Situation für Afroamerikaner 40 Jahre früher und wie schwierig das Bemühen rechtschaffener Cops war, gegen den Strom zu schwimmen – vor allem, wenn man Frau war oder homosexuell.