Kultur

Was Menschen im Spiegelbild erfahren

Eine Schau im Medizinhistorischen Museum der Charité experimentiert mit der Wahrnehmung

Ein kurioses Kabinett, dennoch hochspannend: Gehirntumore und Gallensteine schwimmen in Glasgefäßen, dazwischen Schädelbohrer in Vitrinen, Skelette und Totenschädel weiter hinten. Im Medizinhistorischen Museum der Charité steht der tote Mensch im Vordergrund. Da lässt sich das beschauen, was sonst der Pathologie angehört.

Doch in der Sonderausstellung "Mirror Images – Spiegelbilder in Kunst und Medizin" rückt nun der lebende Mensch in den Mittelpunkt, in Zusammenarbeit mit der Schering Stiftung werden 31 Arbeiten von Medizinern und Künstlern gezeigt, die sich mit der menschlichen Wahrnehmung beschäftigen, vor allem mit der von uns selbst. Die Ausstellung, konzentriert sich auf die Hilfsmittel zur Selbstsicht: Es gibt Spiegel, künstlerische Fotos und Videoinstallationen in verschiedenen Formaten.

Die Kux ist: Man kann sich nie ohne Hilfsmittel sehen

So wie "Faccia a Faccia" ("Von Angesicht zu Angesicht") der italienischen Künstlerin Marta Dell'Angelo. Als sie bemerkt, dass sich Menschen in Gruppen unterbewusst imitieren, zeichnet sie Videos von sich ähnlich sehenden Menschen auf, die in einem Spiel unterbewusst ähnlich agieren. Wie lebendige Spiegel, könnte man sagen. In der In­stallation sieht man die Paare auf elf Bildschirmen mal gleichzeitig lachen, grimmig schauen und grinsen. Es macht Spaß, das anzuschauen.

Mittlerweile ist das von Dell'Angelo dargestellte Phänomen – man kennt es im Alltag vom "ansteckenden" Gähnen – in der Neurowissenschaft als "Spiegelneuronen"-Theorie belegt: Wir empfinden Empathie durch Nachahmung anderer. Unter den Exponaten findet sich getreu den Ausstellungsräumen auch Kurioses: der erste Augenspiegel, ein Wachstorso mit spiegelverkehrten Organen, Stirnreflektoren aus dem frühen 20. Jahrhundert, ein 3-D-Gehirn.

"Vielleicht fragen Sie sich, warum wir diese Ausstellung hier im Medizinhistorischen Museum zeigen. Hier geht's doch eigentlich um Rudolf Virchow und seine Präparate", sagt Thomas Schnalke, Direktor des Medizinhistorischen Museums. In der Medizinhistorie gehe es immer auch um die visuelle Wahrnehmung des Menschen. Die scheint ja gerade sehr im Trend zu sein, denkt man an die unzähligen Selfies, die jeden Tag begeistert im Internet geteilt werden. Menschen wollen einfach mehr über sich erfahren. Unterstützung erhält Schnalke von der Schering Stiftung, die bereits vor drei Jahren die Sonderausstellung "Steine" sponserte. Das Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft ist das Ziel beider Institutionen. Der von Kuratorin Alessandra Pace zusammengestellte Mix von Stücken aus Kunst und Medizin geht erstaunlich gut auf, wird nicht nur der menschliche Voyeurismus nach Selbstbildnissen befriedigt, sondern noch wissenschaftliche Erkenntnis vermittelt.

Zum Beispiel in den Experimenten, die der Besucher gleich zu Beginn austesten kann: Man hält die rechte Hand in einen mit Spiegeln umkleideten Holzkasten und ballt sie zur Faust, während man die linke Hand vor dem Spiegelkasten bewegt. Nun suggeriert die sich spiegelnde linke Hand eine Bewegung von zwei Händen und man hat das mulmige Gefühl, die zur Faust geballte rechte Hand bewege sich auch. Trotz der Einfachheit des Experiments ist das spannend, zeigt es doch, wie unsere sensorische Wahrnehmung von der visuellen abhängig ist. Das Sehen macht also das Fühlen aus. Ähnlich simple Tricks vermitteln in der Spiegeltherapie Schlaganfallpatienten Bewegung in gelähmten Gliedern und lindern die Phantomschmerzen amputierter Körperteile. Von der medizinische Perspektive der Spiegelung geht es dann immer wieder hin zur künstlerischen. Das kommt gelegentlich abrupt, fordert aber die Besucher zur Interaktion mit dem Ausgestellten.

Um die Verschmelzung von Kunst und Wissenschaft geht es auch bei dem Berliner Künstler Adib Fricke. Weil er mehr über sich erfahren, einen echten Blick auf sein Innerstes werfen will, lässt er sein Gehirn scannen und in 3-D ausdrucken. Ein ausgestelltes Foto zeigt ihn – da kommt er den Exponaten des Medizinhistorischen Museums sehr nah – sein eigenes Gehirn in den Händen haltend.

"Das war schon komisch, als ich zu ihm gesagt habe: Ich will dein Gehirn für die Ausstellung, Adib", sagt Kuratorin Alessandra Pace. Eine ähnliche Intention verfolgt der Serbokroate Dalibor Martinis. 1978 zeichnet sich der damals 31-Jährige dabei auf, wie er sich selbst Fragen stellt. 32 Jahre später sieht er sich das Video an und beantwortet seinem jüngeren Ich die Fragen. In der Ausstellung sieht man dann zwei Martinis: Durch einen Fernseher gespiegelt sitzen sich zwei Versionen der gleichen Person gegenüber, doch könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Was hier Faszination auslöst, ist vielleicht die Krux an der Selbstwahrnehmung: Der Mensch kann sich selbst nie ohne Hilfsmittel sehen. Es braucht bekanntermaßen Spiegel, Fotoapparat oder Videokamera. Das kann trügerisch sein.

Ein Experiment im Projektraum der Schering Stiftung

Ergänzend zur Ausstellung in der Charité wird der Projektraum der Schering Stiftung in Unter den Linden mit der Installation "Smoking mirror" bespielt. In dem komplett verdunkelten Raum hängen nur eine Glaskugel und ein verdunkelter Spiegel. Eine Sonne aus Blattgold ist auf der Wand angebracht. Schließt sich die Eingangstür wird ein 26-minütiger Ton- und Bildzyklus der Künstler Otavio Schipper und Sergio Krakowski in Gang gesetzt.

Lichtreflexe zucken über die Blattgoldsonne, während tiefe Bässe die eigene Haut beben lassen. Auf seinem Höhepunkt kann das echte Angstgefühle auslösen. Dann bleibt dem Besucher nichts anderes, als sich selbst zu fühlen – allerdings ganz ohne Spiegel und Fotoapparat.

"Mirror Images": Medizinhistorisches Museum der Charité. Charitéplatz 1. Di–So 10–17, Mi und Sa 10–19 Uhr. Bis 3. April"Smoking Mirror": Projektraum Schering Stiftung. Unter den Linden 32–34. Mo, Mi–Sa 12–19 Uhr. Bis 23. Januar

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