Klassik-Kritik

Haitink dirigiert Bruckner voll bitterer Wahrheit

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Felix Stephan

Es gibt Pianisten, die mit Mozarts Klaviermusik nicht viel anfangen können. Und es gibt Interpreten wie den Wiener Till Fellner: Musiker, deren Klang- und Spielverständnis geradezu für Mozart geschaffen scheint. Schlank und leichtfüßig wirkt Fellners Anschlag, natürlich leuchtet sein Cantabile. Der ehemalige Privatschüler von Alfred Brendel nutzt Mozarts C-Dur-Klavierkonzert KV 503 nicht, um sich in den Vordergrund zu drängen. Im Gegenteil: Bei seinem Debüt mit den Philharmonikern setzt der 43jährige Fellner auf kammermusikalischen Feinsinn. Er vermeidet alles Virtuose zugunsten zeitloser, werkdienlicher Klangkultur. Den Philharmonikern fällt es zunächst nicht leicht, sich auf Fellners Transparenz einzustellen. Die Bläser demonstrieren Dominanz, die Streicher klingen im ersten und zweiten Satz noch recht bauchig.

Am Dirigierpult waltet und schaltet der Niederländer Bernard Haitink. Mit seinen 86 Jahren ist er genau doppelt so alt wie Solist Fellner. Und hat einen entsprechenden Erfahrungsvorsprung: Acht Jahre vor Fellners Geburt dirigierte Haitink die Philharmoniker zum ersten Mal. Seither hat der Niederländer über 150 Konzertprogramme mit den Berlinern gestaltet. Das Programm des heutigen Abend kann mittlerweile als typisches Haitink-Programm gelten: eine Kombination aus Mozart-Klavierkonzert und Bruckner-Sinfonie.

Anders als bei Mozarts C-Dur-Klavierkonzert KV 503 formieren sich die Philharmoniker in Bruckners Neunter zur verschworenen, perfekt aufeinander abgestimmten Gemeinschaft. Sie wissen ganz genau, wie Haitink es haben möchte: diesseitig, offensiv, streng architektonisch. Der Niederländer fordert einen Bruckner voller Härten und Schärfen, einen Bruckner, der seinem Publikum kalt ins Gesicht bläst. Mustergültig konsequent gelingen in dieser Hinsicht die ersten beiden Sätze.

Haitink gilt zu Recht als Bruckner-Dirigent von Weltklasse. So fern von aller Eitelkeit, so dicht an der reinen Musik, so röntgenblickartig analytisch. Atemraubend, wie sich der anfängliche Spielwitz des Bruckner-Scherzos in kantige Brutalität verwandelt. Unter Haitinks Händen klingt das nicht nach Experiment, sondern nach bitterer Wahrheit. Krankheit und Alter machten Bruckner bei seiner unvollendet gebliebenen Sinfonie schwer zu schaffen. Dass er sie „dem lieben Gott“ widmete, ist bekannt. Auch dass er im Adagio überdeutlich seine Wagner-Verehrung zum Ausdruck bringt. Von einer verklärenden Hommage kann an diesem Abend aber kaum die Rede sein: Die Philharmoniker reizen die Modernität der Partitur bis zum Äußersten aus.

( Felix Stephan )