Kultur

Terroristin aus gutem Haus

Nach 40 Jahren erscheint Eugene McCabes Roman erstmals auf Deutsch – und ist hochaktuell

Töten oder getötet werden: Die Terroristen in Eugene McCabes schmalem Roman machen sich keine Illusionen. Zwar laufen sie nicht wie heutzutage mit Sprengstoffgürteln und Kalaschnikows durch die Stadt, legen keine Bomben in öffentlichen Verkehrsmitteln ab oder schlachten wahllos Passanten ab, aber der Tod war auch schon im England der 70er-Jahre die sicherste Konstante des Geschäfts. Nur die Opfer wurden seinerzeit gezielter ausgesucht.

In diesem Fall macht sich eine Hand voll Terroristen auf, eine Gutsbesitzerfamilie in ihrem eigenen Haus als Geiseln zu nehmen, um drei inhaftierte IRA-Funktionäre freizupressen. Der Schwiegersohn der Familie ist Staatssekretär im Außenministerium, nur leider gerade nicht im Haus. Seine junge Frau ist schwanger, die Mutter trinkt, der Colonel ist die gelebte Haltung, die es zu bewahren gilt, es gibt Gäste, doch sie bleiben eher unscheinbar.

„Die Welt ist immer noch schön“ zeigt damit eine zutiefst altmodische Konstellation aus der Hochzeit des IRA-Terrorismus auf, wurde schon 1976 veröffentlicht und erscheint nun erstmals auf Deutsch. Dennoch schafft er es auch im Jahr 2015, den Leser zu packen. Das liegt vor allem an McCabes junger Hauptfigur, Isabel Lynam, Terroristin aus gutem Haus. Sie wollte nie an die Front, hat den Terror lieber organisiert, wird nun aber als Strafaktion in diese Situation katapultiert. Isabel gilt als verdächtig, als mögliche Verräterin in den eigenen Reihen, war Kunststudentin und Geliebte des IRA-Mannes Burke, der diese Aktion befohlen hat. Ein Kampfgefährte nennt sie „doppelzüngige Schlange“, die das Töten predigt und auf jene „scheißt“, die es wirklich tun.

Aber es ist nicht die bürgerliche Herkunft, die sie zum Fremdkörper in der Terroristenriege macht, es ist ihr nicht geschlechtskonformes Verhalten. „Sie kennt zu viele unzuverlässige Jungs von der Presse und Politiker ... berechnend wie eine Katze ... Sex nur mit offenen Augen ... Weiß Gott, was sie denkt oder woran sie glaubt ...“ Vor allem aber hat Isabel Burkes Kind abgetrieben. Jugendliche Ungeduld, Abscheu vor der kleinbürgerlichen Herkunft und der endlosen Laberei der Verantwortlichen, das sind die Gründe, die Isabel in eine Situation gebracht haben, aus der es keinen Ausweg gibt. Die schwangere Geisel, Millicent, ist eine Studienkameradin Isabels, die das alternative Lebensmodell aufzeigt. Die Mutter des Hauses hält Isabel im Vergleich zu ihr für ein „mitfühlendes Mädchen“, wohingegen Milly kalt ist, „mein eigen Fleisch und Blut ... betrüblich“. Dabei ist es doch Isabel, die ihre weibliche Identität als Opfer für den Terrorismus bringen will.

Alle Frauen dürfen erfahren, dass sie nicht zählen, in den Nachrichten über die Geiselnahme werden sie nicht mal erwähnt. In sehr reduzierter Form schildert McCabe den weiteren, recht zwangsläufig erscheinenden Verlauf des Geschehens. Ein Geräusch setzt die Maschinerie in Gang, die Gewalt wird wie mit einem Schalter ausgelöst. Der Terrorangriff findet ein überraschendes, heutzutage so nicht mehr vorstellbares Ende, das nur im eigenen Moralsystem der Terroristen sinnvoll erscheint.

Der Schotte McCabe ist vor allem als Dramatiker bekannt, sein Roman erinnert tatsächlich an ein politisch engagiertes Kammerspiel, in dem kein Wort zuviel geredet und der Rezipient aufgefordert wird, selbst zu denken und zu urteilen. Das ist hoffnungslos altmodisch, aber immer noch gut.