Kultur

San Sebastián will Terror überwinden, Breslau baut Brücken

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Die Kulturhauptstädte Europas 2016 stellen ihr Programm vor

Das belgische Mons und das tschechische Pilsen ziehen schon Bilanz als Kulturhauptstädte Europas 2015, da stellen sich mit San Sebastián und Breslau bereits die beiden Städte des kommenden Jahres vor. Eigentlich bräuchte San Sebastián keine zusätzlichen Attraktionen, um Besucher in die nordspanische Küstenstadt zu locken. Die baskische Metropole hat sich jedoch etwas Besonderes vorgenommen: Sie will kein Feuerwerk spektakulärer Shows entzünden, sondern die Besucher in das kulturelle Programm einbeziehen.

Aufgrund seines milden Klimas diente San Sebastián den spanischen Königen, die der Hitze in Madrid entfliehen wollten, lange Zeit als sommerliche Residenz. Dies führte dazu, dass die Stadt prachtvolle Alleen und Paläste erhielt. Der berühmte Strand La Concha lockt eine halbe Million Touristen im Jahr an. Bis vor wenigen Jahren lag jedoch ein Schatten auf der Perle an der spanischen Atlantikküste. San Sebastián war wie kaum eine andere Stadt vom Terror der baskischen Untergrundorganisation ETA betroffen. Die Überwindung dieses Klimas des Hasses und der Angst war eines der Motive, die San Sebastián zur Bewerbung um die Ernennung zur Kulturhauptstadt bewogen hatte. „Die Stadt brauchte etwas, um das Trauma zu überwinden“, sagt Pablo Berástegui, Direktor des Projekts San Sebastián 2016. „Die Leute sollten etwas bekommen, das sie an die Zukunft der Stadt glauben lässt.“

Das Programm der Kulturhauptstadt umfasst rund 100 Projekte in Bereichen der Kunst, des Tanzes, des Kinos, der Musik, der Architektur und der Gastronomie. Die Veranstalter verfolgen damit das Ziel, die Stadt vom Image des Terrors und der Gewalt zu befreien. „Die Kultur soll uns helfen“, sagte Bürgermeister Eneko Goia, „die noch vorhandenen Wunden zu schließen.“

Auch Breslau (Wroclaw) will sich als moderne, junge und vielschichtige Stadt präsentieren. Als Europäische Kulturhauptstadt 2016 hat die niederschlesische Stadt Gelegenheit, sich als Brücke zwischen Ost und West zu zeigen. Vom Venedig Niederschlesiens zu sprechen, ist vielleicht ein wenig übertrieben. Aber Brücken spielen im Stadtbild mit seinen Oderarmen und -inseln eine wichtige Rolle. Als Brücke zwischen Ost und West sehen auch viele Breslauer ihre Stadt mit ihrer komplizierten, tragischen Geschichte. In kaum einer anderen Stadt kam es durch den Zweiten Weltkrieg zu einem so totalen Umbruch.

„Breslau hat eine Geschichte zu erzählen“, sagt Magdalena Babiszewska, Sprecherin der Organisatoren der Kulturhauptstadt. „Unsere Angebote richten sich nicht nur an Besucher, sondern auch stark an die Einwohner der Stadt.“ Es soll ein Jahr des Mitmachens und Mitfeierns werden, mit bewährten Festivals, die im kommenden Jahr größer sein werden, aber auch mit neuen Projekten, die Performance, Musik und Literatur nicht nur auf die große Bühne, sondern auch in die Stadtteile bringen.

Die Organisatoren hoffen, dass damit im kommenden Jahr die Zahl der Touristen verdoppelt werden kann. Mit einigen Programmteilen haben die Breslauer schon vor dem offiziellen Start am 17. Januar begonnen. Das Kunstprojekt „Mosty“ (Brücken) gab schon in diesem Sommer einen Ausblick auf das Kulturjahr und soll 2016 wiederholt werden. Einen Tag lang wurden 26 Brücken der Stadt in Kunstprojekte verwandelt. Breslau ist im kommenden Jahr nicht nur Kulturhauptstadt, sondern obendrein Welt-Buch-Hauptstadt der Weltkulturorganisation Unesco.

Die Europäische Union verleiht seit 1985 den Titel Kulturhauptstadt. Ziel der Initiative ist es, den „Reichtum und die Vielfalt der Kulturen Europas hervorzuheben“, den Tourismus zu fördern und das Image der Städte zu verbessern. Anfangs gab es jährlich eine Kulturhauptstadt. Seit der EU-Erweiterung 2004 werden jeweils zwei Städte gekürt, um neuen Mitgliedern in Mittel- und Osteuropa eine Teilnahme zu ermöglichen. Der Titel wurde bisher mehr als 50 Orten verliehen. Erste Europäische Kulturhauptstadt war Athen, Berlin 1988 die erste deutsche Metropole.

( BM/dpa )